Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

23. Januar 2017

Backstage vor der Show - Vorbesprechung

Im besten Falle gibt es vor der Show nicht viel zu diskutieren, da das Format bereits feststeht. In diesem Falle ist nicht mehr zu tun, als noch mal ein paar Grundsätze zu besprechen: Mit welcher Grundhaltung gehen wir in diese Show? Was ist unser Hauptfokus? Worauf soll der Moderator achten? usw.
Bei game-orientierten Shows, inklusive Theatersport, stellt sich immer wieder die Frage, ob die Games vorher abgesprochen werden sollen oder nicht.
Mit meiner allerersten Improgruppe verbrachte ich manchmal bis zu einer Stunde vor der Show in einem italienischen Café, um die Pros und Contras einzelner Games und ihre Reihenfolge zu diskutieren. Hinterher waren wir schon geistig so ermüdet, dass wir alle Kraft zusammennehmen mussten, um wieder in eine spielerische Stimmung zu kommen.
Ich denke, es liegt ein besonderer Reiz darin, sich gegenseitig mit Games zu überraschen oder sich vom Moderator überraschen zu lassen.
„Aber wenn er dann ein Spiel aussucht, dass wir gar nicht kennen?“
Umso besser! Wenn man unbefangen und energetisch an ein Spiel herangeht, wirkt man auch viel frischer. Eine Ausnahme würde ich allenfalls bei technisch anspruchsvollen Spielen machen. Wenn man z.B. noch nie eine Dreier-Synchro-Szene gespielt hat, kann das extrem kompliziert wirken und das Spielen versteifen.
Klärt vorher ab, falls euch bestimmte theatrale Mittel nicht liegen. Wenn du ungern singst, ist es womöglich nicht sehr sinnvoll, eine zwanzigminütige gemeinsame Oper zu spielen, deren Hauptfigur ausgerechnet du bist. Und mit einem lädierten Knie wirst du sicherlich kein improvisiertes Ballett spielen wollen.
Wenn ihr ein Format spielt, in dem die Spieler selbst die Games bestimmen und ihr sprecht euch vorher nicht darüber ab, liegt es nahe, mehrere Games in der Hinterhand zu haben, falls einer der Kollegen ausgerechnet das Game spielen lässt, das man selber vorschlagen wollte.
Unter Umständen kann man sich auch dafür entscheiden, die Show „einzurahmen“, zum Beispiel festzulegen, dass man mit einem kleinen Warm-Up-Game wie „Freeze Tags“ beginnt oder mit einem Crowdpleaser, z.B. einem großen musikalischen Format, endet.
Falls ihr dennoch den kompletten Ablauf einer Game-Show vor der Show besprechen wollt (und ich weiß, dass sich vor allem Impro-Neulinge davon nur ungern abbringen lassen), rate ich dazu, mit offenem Herzen in die Besprechung zu gehen, statt auf der Suche nach der perfekten Show jeden Vorschlag unter die Lupe zu nehmen und zu zerpflücken. Sammelt in einer Brainstorming-Runde genügend Vorschläge. Als nächstes können kurz Nachfragen gestellt werden, falls der Name eines Spiels oder seine Technik unbekannt ist. Und schließlich darf jeder reihum ein Spiel von der Liste streichen, bis die Anzahl der nötigen Spiele erreicht ist.
Für Langformen ist es (auch aus werbetaktischen Gründen) sinnvoll, sich schon vor der Show auf ein Format zu einigen. Nichtsdestotrotz kann es nötig sein, dass man sich anders entscheidet oder einen Plan B aus der Tasche ziehen muss. Dann gilt im Grunde dasselbe wie für die Besprechung von Game-Shows: Seid offen und konstruktiv. Geht nicht nur von eigenen Wünschen und Bedürfnissen aus, sondern zieht auch die Fähigkeiten eurer Mitspieler in Erwägung. (Wenn drei meiner Mitspieler nur schlecht den Ton halten können, ist es sinnlos, mir ein Musical zu wünschen auch wenn ich es selber mag. Vielleicht magst du das Genre Screwball-Comedy, aber wenn deine Mitspielerin das noch nie gesehen hat, wird sie vielleicht eine kurze Szene dazu improvisieren können, aber das Stück in seiner Langform wird höchstwahrscheinlich darunter leiden.)

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