Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

30. September 2014

Don't prepare?

Es gibt ein wunderschönes kleines Buch von Patricia Ryan Madson "Improv Wisdom", das die Möglichkeiten beschreibt, Tugenden und Fähigkeiten aus dem Improtheater in den Alltag herüberzuretten.


Der Untertitel (und auch das zweite Kapitel) des Buchs lautet "Don’t prepare. Just Show Up". Mit anderen Worten: Wir können uns derart in Planungen und Vorbereitungen für die große wichtige Sache verstricken, dass wir vielleicht das Eigentliche vergessen, nämlich dass erst einmal nur unsere Anwesenheit wichtig ist: Für die anderen und für uns selbst. Alles weitere kann improvisiert werden.
Aber je länger die Botschaften des Buchs sich in meinem Kopf sedimentiert haben, umso mehr denke ich, dass Madson hier das Kind mit dem Bade ausschüttet. Sie hat natürlich Recht - es gibt eine Paralyse der Vorbereitung, nicht nur im Alltag, auch im Improtheater: Szenen, die quasi ewig vorbereitet werden durch endlose Publikumsinteraktionen, Storys, die durch endlose Vorgeschichte unanschaubar werden, szenisches Ausweichen, Spieler, die vor der Show eine halbe Stunde überlegen, ob sie das grüne oder das weiße Hemd anziehen sollen, Gruppen, die in Panik geraten, wenn sie sich vor der Show nur fünfzehn statt fünfundvierzig Minuten aufwärmen können. Und wir kennen es auch aus dem Alltag: Frauen, die täglich eine halbe Stunde entscheidungsparalysiert vor dem Kleiderschrank stehen, gefangen in der Angst, für ihr Äußeres beurteilt zu werden, Freunde, die ihren Urlaub dermaßen mit Sightseeing verplanen, dass sie sich geistig für die eigentlichen schönen spontanen Überraschungen einer Reise blockieren.
ABER: Totales Unvorbereitetsein nervt ebenfalls. Wir brauchen ein gewisses Maß an Planung. Wer verpeilt zu Auftritten und Proben kommt, nervt nicht nur seine Mitspieler, sondern beraubt sich in vielerlei Hinsicht auch der eigenen Freude. Planung heißt nicht (und da gebe ich Madson wiederum Recht), dass jedes Detail festgelegt sein muss. Vielleicht ist es nicht so wichtig, welche Schuhe du anziehst, solange sie geputzt sind. Vielleicht ist es nicht so wichtig, vorher zu wissen, welcher Spieler heute die Show anmoderiert, aber sich im Klaren darüber zu sein, mit wem ich heute Abend auf der Bühne stehen werde und welche Art von Show wir spielen werden. Möglicherweise kann ich auch das nicht einmal wissen, weil ich gerade in einer fremden Stadt bin und von Improspielern, die ich nur über Facebook kenne, eingeladen worden bin, irgendeine Improshow mitzuspielen. Aber selbst dann sollte ich mich zumindest geistig und körperlich darauf einstellen: Stelle dich geistig auf die Show ein, statt dir per Handy die Zeit zu vertreiben.
Sei dir klar darüber, was man heute von dir erwartet, und sei dir vor allem darüber im Klaren, was du von dir selbst erwartest.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Sie können anonym Kommentare abgeben. Ich freue mich aber, wenn Sie Ihren Namen/URL eintragen.