Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

14. Juli 2014

Karl Valentin und Status-Relativierung

Ein schönes Beispiel für Status-Relativierung gibt Karl Valentin in seinem (stummen) Langfilm "Der Sonderling". Valentin spielt einen arbeitslosen Schneider, der sich in einer der ersten Szenen des Film, bei der Post bewirbt. Ein überaus dicker, herrischer, Hochstatus Postdirektor tritt an ihn heran und führt mit ihm im Stehen eine Art Bewerbungsgespräch. Valentin als klassischer Tiefstatus senkt den Blick, verneint oder bejaht mit hektischen Gesten und sendet Kontrollblicke Richtung Direktor. Dabei fällt ihm dessen schiefe Weste ins Auge. Da er diesen Anblick als Schneider nicht ertragen kann, greift er flugs zu und zerrt sie dem Direktor gerade, nur um nach dieser Übergriffigkeit sofort wieder in unterwürfigen Tiefstatus zu fallen und die Empörung des Direktors über sich ergehen zu lassen. Jedoch: Dessen Weste verrutscht wieder, und Valentins Schneiderseele ist so gequält, dass er erneut zugreift, wie ein hungriges Hündchen sich trotz Zurechtweisung wieder einen Happen stehlen muss. Den anderen derart zu berühren, ist natürlich eine Hochstatus-Geste, die sämtliche zuvor etablierten Tiefstatus-Gesten relativiert, aber erst sie machen die Szene komisch und menschlich.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Sie können anonym Kommentare abgeben. Ich freue mich aber, wenn Sie Ihren Namen/URL eintragen.