Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

13. November 2013

Arbeitsroutinen von Künstlern X - Das Notizbuch

Was den Malern der Skizzenblock, ist den Schriftstellern, Wissenschaftlern (und oft auch Musikern) das Notizbuch.
Ich habe es in den letzten 20 Jahren immer wieder mit verschiedenen Notizbüchern probiert. Und mit nur wenigen war ich zufrieden. Es sollte im Idealfall leicht in die Jackentasche, eventuell auch in die Hosentasche passen, stabil genug sein, blanko, und (hier scheitern die meisten) eine Gummi-Halterung für einen kleinen Stift angebracht haben. Das Papier möge angenehm sein und der Einband das Auge nicht beleidigen. Wer in diesem Punkt so sensibel ist wie ich, sollte also um Läden wie McPaper einen weiten Bogen schlagen, wenn es um den Kauf von Notizbüchern geht (die man übrigens ganz aktuell wegen ihrer pinken "Mädchen-Ecke" überhaupt boykottieren müsste.
Man landet dann allerdings schnell im höherpreisigen Segment. Und wenn man nicht gerade voll auf Magnet-Klappbücher mit Hokus-Pokus-Ornamenten steht, bleibt einem fast nur übrig, auf Moleskine zurückzugreifen, aus denen man immer die wortschwalligen Beipackzettel entfernen muss, in denen einem suggeriert wird, Hemingway und Picasso, hätten diese Bücher schon gekauft, dabei haben sie einfach Notizbücher gehabt. Es gibt aber Alternativen: Zum einen sind es die handschmeichelnden in Leder eingebundenen Notizbücher von Ciak, deren Gummizug quer verläuft und in die deshalb wenigstens ein Bleistift ganz gut passt. Das Papier etwas dicker als üblich. Man muss aber auch mit dem ungewöhnlich breiten Format klarkommen. Ab und zu werden in dem Schrottladen "Nanu Nana" extrem billige Moleskine-Imitate verkauft, die vom Original nur in wenigen Details und nur beim genauen Hinsehen zu unterscheiden sind. Eine schöne Idee sind auch "Paperback"-Notizbücher, für die wiederverwendbare Lederhüllen angeboten werden.
Ein wichtiges, bisher kaum handhabbares Problem ist für mich, wie ich die Notizen ordnen soll. Grob gesprochen fallen meine Notizen in folgende Bereiche:

  1. Text-Ideen, Gedicht- und Reim-Ideen, Zitate, Erinnerungen, Projekt-Ideen, Kurioses und Aktuelles.
  2. Impro-Ideen: Gedanken zu Theorie, Workshop-Ideen, Format-Ideen, Impro-Projekt-Ideen
  3. Privates: neue Telefonnummern und Notizen zu den dazugehörigen Personen, Geschenk-Ideen. 

Oft habe ich nun mehrere Notizbücher parallel verwendet, abhängig von den jeweiligen Themen oder von der Schmuddelhaftigkeit/dem Adel des in den Notizbüchern verwendeten Papiers. Das Problem war, dass ich dann völlig durcheinanderkam und vieles nicht mehr finden konnte. Oft blieb ein vager Gedanke: Die Notiz befindet sich auf der linken Seite im mittelgroßen roten Ciak-Buch.
Ich bin vor 2 Monaten auf eine neue Idee gekommen:
Kategorie 1) ist die Größte. Ich mache die Notizen auf der rechten Seite des Notizbuchs.
Für Kategorie 2) drehe ich das Notizbuch um und mache ebenfalls Notizen auf der rechten Seite. Wenn sich Kategorie 1) und 2) treffen, ist das Notizbuch voll und wird nicht weiter beschrieben.
Kategorie Nr. 3) ist die kleinste. Es genügt, wenn ich auf den linken Seiten der Kategorie 1)-Seiten diese Notizen schreibe.


Eine Handvoll teils voller, teils halbleerer Notizbücher dieses Jahres.

Von den Notizbüchern abzugrenzen, sind die größeren Schreibbücher oder Schreibhefte, die freilich auch manchmal als Notizbücher für größere Einzelprojekte dienen. Dazu vielleicht später mehr.

Fortsetzung der Lektüre Daily Rituals. How Great Minds Make Time, Find Inspiration, and Get To Work

Somerset Maugham (1874-1965)
Drei bis vier Stunden jeden Morgen Schreiben. Setzte sich das persönliche Minimum von 1500 Wörtern.
Marotte: Schreibtisch musste vor einer schwarzen Wand stehen, damit Maugham nicht abgelenkt würde.

Graham Greene (1904-1991)
Um den Roman, der ihm am Herzen lag ("The Power and the Glory") schreiben zu können, legte er diesen beiseite und schuf ein paar melodramatische Thriller, um sich und seine Familie über Wasser zu halten. Um nicht von der Familie abgelenkt zu werden, mietete er sich ein Büro, dessen Adresse und Telefonnummer nur seine Frau kannte! Mit 2 Tabletten Benzedrine hielt er in dieser Phase sich wach und produktiv.
Später nur noch 200 Wörter pro Tag. Keine Drogen. Schreiben von 9 Uhr bis 10:15 Uhr.

Joseph Cornell (1903-1972)
Bis 1940 hatte Cornell als Ernährer der Familie einen Tages-Job, bis dahin arbeitete er abends an seinen Shadow Boxes. Später hin und her gerissen, ob er weitere Tages-Jobs annehmen sollte. Schließlich widmete er sich ausschließlich seiner Kunst und seiner Korrespondenz sowie seinen Besuchern in seinem Werkstattkeller.

Sylvia Plath (1932-1963)
Immer wieder tat sie sich schwer, das Schreiben in ihren Tagesrhythmus einzubauen. Frühes Aufstehen, oft noch müde. Schreiben, wenn die Kinder noch schliefen. Oder nach dem Frühstück. Schlaf mit Beruhigungsmitteln, mit denen sie auch ihrem Suizid auf die Sprünge half.

John Cheever (1912-1982)
Frühaufsteher und Frühschreiber. In der Jugend auch nachmittags.
Marotte: Als er älter wurde, zog er sich wie alle anderen Business-Leute, die in dem East-Side-Manhattan-Gebäude wohnten einen Anzu an und betrat den Fahrstuhl, fuhr mit diesem aber in den Keller, wo er in einem Lagerraum sich seines Anzugs entledigte und in Boxer-Shorts bis 10:30 Uhr arbeitete. Den Rest des Tages spazierte er mit der Tochter oder ging in Bars.
Alkoholproblem.
Sexuelle Obsessionen: "Mit steifem Schwanz kann ich das Kleingedruckte in Gebetsbüchern lesen, mit schlaffem Schwanz nicht mal die Überschriften der Zeitungen."

W.B.Yeats (1865-1939)
"Ich habe nie mehr als fünf oder sechs gute Zeilen pro Tag geschrieben." Dies tat er abends.
Sonst: Lesen von 10 bis 14 Uhr, Mittag, dann wieder lesen bis 15:30 Uhr. Dann Waldspaziergang oder Angeln. Die langen Lesephasen brauchte er, da er sein Geld als Literaturkritiker verdienen musste.

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