Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

3. Juli 2013

"Durchgedreht"

Der ca. sechste Versuch, Improtheater ins Fernsehen zu bringen, ist wieder einmal völlig misslungen. Dafür können wir fünf Gründe nennen:

  1. Jörg Tadeusz als Moderator ist eine intellektuelle und geschmackliche Zumutung. In keinem Augenblick interessiert er sich für das, was er macht, worüber er spricht oder mit wem er spricht. Das gilt für "Die Profis" auf Radio Eins, seine Talkshow, den von ihm moderierten Poetry Slam, und es wäre ein Wunder, wenn er sich nur ein bisschen mehr als absolut notwendig mit Improtheater beschäftigt hätte. Das Schlimmste aber: Tadeusz hat keinen Humor. Lasst ihn meinetwegen Schlager-Wunschsendungen moderieren.
  2. Die Sendung wird in Köln produziert. Das ist schon fast eine Garantie für billigsten Ich-setze-mir-eine-Perücke-auf-und-dann-lacht-das-Publikum-schon-Humor.
  3. "Durchgedreht" versucht, Improtheater einen politischen Dreh zu geben. Das ist an sich löblich, da gerade diese Kombi hierzulande fehlt. Nun könnte man die Möglichkeit des Improtheater nutzen, wirklich tagesaktuell auf die Themen einzugehen und der Sache wirklich Biss zu geben. Stattdessen Genre-Replay-Softporno zwischen Obama und Merkel. Bruhaha.
  4. Die Schauspieler. Man setzt auf Parodisten und den allgegenwärtigen Hoecker. Was es bräuchte: Intelligente, humorvolle, schlagfertige Schauspieler.
  5. Und überhaupt!

Kommentare:

  1. Es hat keinen Sinn, Verbesserungsvorschläge für Improtheater im Fernsehen zu machen.

    Impro im Fernsehen kann nicht funktionieren, weil es dann kein "Theater ohne Absicht" ist. Es hat kein Herz und keinen Verstand. Aber einen Sendeauftrag.

    Das tolle GreenScreen-Set lässt der Fantasie keinen Raum. Die Spieler spielen, dass sie spielen.

    Das Publikum wird nur als Brüllmasse benutzt. Es spielt keine Rolle, ist kein unverzichtbarer Bestandteil des Geschichten-Entstehen-Prozesses.

    Auch YouTube Aufzeichnungen von "richtigen" Impro-Shows bringen die Magie nicht rüber. Wer Impro sehen will, muss weiter in die Vorstellung gehen. Gut so.

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  2. Impro im TV sinnlos?

    Seltsamerweise find ich persönlich jedoch "Whose line is it anyway", speziell die US Version beim Anschauen meistens immer noch relativ unterhaltsam und witzig.

    Die Spiele und Szenen sind zum Teil ähnlich und basieren eben auch fast immer darauf, eher Gags am Fließband zu produzieren, als spannende Geschichten zu erzählen.

    Moderator und Schauspieler haben in jener Show aber wesentlich mehr Charme und Humor und ziehen sich oft gegenseitig auf. Dadurch entstehen running gags.

    Die Angebote sind oft deutlich besser.
    Sie scheinen viel öfter das Spiel im Spiel oder ihren eigenen Clown zu finden und lachen sich beim Scheitern eben auch mal richtig kaputt.
    Selbst wenns peinlich ist, kommt man also mal ins Schmunzeln.

    Ist zwar immer noch lange kein 100% Impro, geht aber zumindest mit Improhilfe als kurzweilige TV Comedysendung durch.

    Bei Durchgedreht wurde jedoch meiner Meinung auch dieses Mindestziel klar verfehlt.

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