Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

14. Juni 2013

Und ist das alles improvisiert?

Die Frage, ob auch wirklich alles improvisiert ist oder ob es nicht doch heimliche Plot- oder gar Text-Absprachen gibt, wird wohl nie verschwinden. Ich finde es auch nicht schlimm, wenn die Frage in aller Unschuld nach einer Show gestellt wird. Aber es gibt eben auch die ewig skeptischen Zuschauer, die während der ganzen Show nach "dem Trick" suchen. Oder Zuschauer, die einem einfach nicht glauben. Vor einem Monat spielten wir ein komplett improvisiertes zweistündiges Stück im Stil von Tennessee Williams. Einziger Ausgangspunkt war der vom Publikum vorgeschlagene Titel. Vier Tage später die Internet-Rezension: Das Stück sei überzeugend vorgetragen worden. Aber "zu Beginn der Aufführung sollten die Zuschauer den Namen des Stückes bestimmen. Das war es dann auch mit dem Improvisationstheater." Denn wenn das alles improvisiert sein sollte, dann hätten ja die Spieler genial sein müssen.
So geschmeichelt man sich dabei auch fühlen mag, es ist doch erstaunlich, dass diese Art von Zuschauern es der Show nicht gönnen können, "genial" zu sein. Und sich selbst den Genuss nicht gönnen, etwas Großartigem beizuwohnen.
Aber wir sollten nicht in de Falle tappen, den Zuschauern durch Extra-Gimmicks "beweisen" zu wollen, dass alles improvisiert ist; denn erstens verwässert man dann die eigene Show für sich und die Mehrheit der Zuschauer und zweitens, das zeigt die Erfahrung, werden die Skeptiker stets Skeptiker bleiben.

Kommentare:

  1. Wenn der bei einer Jamsession sitzt, glaubt er auch, die Musiker hätten heimlich Notenblätter am Körper versteckt bei sich...

    Doris Pfeiffer

    AntwortenLöschen
  2. Ich würde es anders sehen: Vorgaben einzuholen soll den Zuschauern nicht beweisen, dass wir wirklich improvisieren, sondern dient der Kommunikation, des Kontakts mit dem Publikum, und damit letztendlich der "Kundenbindung" (um es mal mit einem fiesen Wort zu formulieren). Das ist ja das Tolle an Impro (für mich zumindest), dass man diese Publikums-Connection hat, und das Publikum ist völlig aus dem Häuschen, wenn man es wirklich schafft, mit ihnen in Kontakt zu gehen. Aber gut, ich bin auch gebrain-washed vom Seattle-Festival.

    AntwortenLöschen
  3. @Claudia: Ich gebe dir Recht, dass Vorschläge des Publikums eine gute Art sind, um mit dem Publikum zu kommunizieren. Allerdings denke ich (im Gegensatz zu Randy Dixon), dass es auch gutes Improtheater ohne diese Vorschläge gibt, so wie auch gute improvisierte Musik ohne Zuhörervorschläge existiert.
    Im konkreten Fall hatten wir übrigens einen Vorschlag und haben zu Beginn auch relativ viel mit dem Publikum kommuniziert. Die zitierte Kritik bezog sich auch auf jemanden, der es sich schlicht nicht vorstellen konnte, dass dann alles improvisiert war.
    Ich habe nach diesem Blog-Eintrag noch mit ihm hin und her geschrieben, und er meinte, dass er uns großen Respekt zollt, wenn das wirklich improvisiert war. Er konnte sich diese "Genialität" (Zitat des Zuschauers) schlicht nicht erklären.

    AntwortenLöschen

Sie können anonym Kommentare abgeben. Ich freue mich aber, wenn Sie Ihren Namen/URL eintragen.