Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

11. April 2013

Alkohol auf und hinter der Bühne

Mir scheint, das Thema Alkohol wird in der Improszene etwas unterbelichtet, so als hätte es nichts mit dem Improvisieren oder den Spielern wirklich zu tun, sondern sei eine Begleiterscheinung.
Dabei lässt sich wunderbar an großen Bühnenkünstlern die Rolle von Alkohol und Drogen nachvollziehen.
Es beginnt vielleicht damit, dass die ersten Shows etwas so Ungewöhnliches sind, dass ihr Gelingen ein Grund zum Feiern ist. Und Feiern geht nun mal, so der Glaube, mit Alkohol einher. So wird die die Show beendende Sauferei zur Gewohnheit. Das mag noch gut gehen, wenn man alle zwei Wochen einen Auftritt hat. Wird aber das Auftreten zur Profession, gehören bald Alkohol und Beruf zusammen.

Nicht unerwähnt bleiben sollte auch die Droge vor der Show. Da Alkohol auch als Enthemmer wahrgenommen wird, liegt die Rechtfertigung schon auf der Hand: "Mit einem Bierchen vor der Show bin ich viel entspannter und kann gelassener mit dem Unbekannten umgehen." Alkohol als Psycho-Medikament. Selbst bei Festivals gehört das heitere Piccolo-Anstoßen vor der Show oft zum guten Ton. Und wer wäre man, sich da auszuklinken? (Wer sich dem kollektiven Alkoholritual entzieht, macht sich verdächtiger als wer wegen einem Kater einen Auftritt versemmelt.)

Man kann die Schraube noch weiter drehen: Früher oder später wird man aber feststellen, dass Alkohol eher betäubt als belebt, also Upper vor der Show, nach der Show Downer. Fertig ist die Künstlersucht. Ich sage nicht dass jeder Künstler, der Alkohol trinkt, den Weg bis zu Ende geht. Aber sowohl Milieu als auch die Form der psychischen Anstrengung laden Alkohol regelrecht ein.

Und ich habe noch keinen Improspieler (oder Lesebühnenkollegn) gesehen, der mit Alkohol auf der Bühne besser war als ohne.

Kommentare:

  1. Danke für das Anstoßen dieses Themas. Selbst trinke ich keinen Alkohol vor einer Show und kaum danach. Meine Kollegen finden es (glaube ich) nicht (mehr) verdächtig. Aber ich beobachte auch oft, dass gern vor der Show getrunken wird und so wie ich z. B. Impro verstehe, mit seiner großen Anforderung an Konzentration, mitdenken und wahrnehmen, kann ich keinen Sinn im Betäuben entdecken. Es scheint aber tatsächlich so zu sein, dass auch manche Kollegen Anfängern raten, ruhig zum ersten Auftritt "als Entspannung" ein Glas zu trinken - für die Improvisation ist dies auf keinen Fall hilfreich.

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  2. Mitspieler, die vor und während Shows (oder Proben) trinken, befremden mich sehr. Es passt für mich nicht mit der Idee des im Moment seins zusammen. Gerade die Aufmerksamkeit leidet massiv, und damit auch die Qualität des Spiels. Und genau das sollte den Focus haben.

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  3. Ich kann Thomas und macro nur zustimmen - Alkohol vor der Show passt für mich gar nicht. Ich kann mich dann überhaupt nicht mehr konzentrieren (und Konzentration / Zuhören ist super wichtig beim Impro), und staune auch immer über Spieler, denen dies trotz des Piccolo / Bierchens / Weinchens noch (gut) gelingt. Für mich funktioniert das irgendwie nicht.

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