Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

31. August 2011

Proben im Sommer

Mit jeder weiteren Probe, jeder weiteren Probe im Foxy Spezial-Sommer erweitert sich der Horizont.

1. Das Verhältnis zum Publikum. Wir finden tiefer in die Inhalte. Nicht das Improvisieren an sich steht im Vordergrund, sondern was gesagt wird, wie es gespielt wird, wie wir das Genre bzw. den Stil umsetzen.

2. Das Verhältnis zu einigen "Regeln". Über die Relativierung von Akzeptieren und "Zug um Zug" schrieb ich hier bereits. Aber auch unser Verhältnis zu Storytelling ändert sich. Warum brauchen wir einen Protagonisten? Warum soll die Handlung logisch sein? Warum sollen wir Elemente wieder einführen? Warum sollen wir positiv starten? Warum sollen wir uns in Zeit und Ort bewegen? Warum handeln? Gezielt an diesen Forderungen vorbeizuspielen, und das bei vollem Einsatz improvisatorischer Fähigkeiten, zeigt nicht nur, wozu diese Regeln gut sind, aber auch, dass es auch ohne sie geht.

27. August 2011

Noch einmal: Zug um Zug

Zug um Zug

Als eine der wichtigsten Grundregeln des Improtheater gilt das Prinzip "Zug um Zug": Du sagst deinen Part, dann sag ich meinen Part. Eigentlich könnte man annehmen, dass das ja wohl völlig normal sei - schließlich ist es ja das Prinzip einer normalen Kommunikation. Und doch sehen wir gerade bei Anfängern die Tendenz, Endlos-Passagen zu reden oder den anderen zu kommandieren und die Ausführung der Kommandos zu kommentieren. Hintergrund dieses Verhaltens ist natürlich wie so oft, die Angst, sich auf das Unbekannte (d.h. auf die Angebote des Partners) einzulassen. Spielern, denen es schwer fällt, Zug um Zug zu agieren, unterbrechen einander auch häufiger oder antworten, ohne richtig zugehört zu haben.
Zug-um-Zug-Training müsste also auch Entspannungstraining sein: Ich habe nichts vor den Angeboten meiner Mitspieler zu befürchten.
Wenn es nur um Regelbefolgung ginge, wäre die ganze Sache ja egal; aber durch das hektische Geplapper wird eher Sinn verhindert und man verhindert, sich von den Angeboten der Mitspieler inspirieren zu lassen. Außerdem wirken die Spieler viel magischer, wenn sie Zug um Zug in der Lage sind, aufeinander einzugehen.
Wenn wir uns aber gescriptete Theaterstücke oder Drehbücher anschauen, werden wir feststellen, dass diese, was die Textmenge und einzelnen Passagen betrifft, gar nicht immer ausgeglichen sind. Akteure begründen, moralisieren, phantasieren usw., und zwar in mehr als nur ein oder zwei Sätzen. Auch das muss gehört dazu und muss ausgehalten werden. Tatsächlich kann jemand auch gut und gerne mal drei Minuten reden und der andere Spieler schweigen. Sie sollten sich nur einig sein, dasselbe Spiel zu spielen.

23. August 2011

Hingabe

"Singe nicht in Anführungszeichen!" (Agnes Bethke)

13. August 2011

Versuch, über Brecht zu improvisieren

Nach Tschechow wieder eine völlig neue Erfahrung, eine Story anzugehen. Ich muss sagen, wir haben Brecht sicherlich nicht so gemeistert wie den Russen in der letzten Woche. Aber wenn Bertolt gesehen hätte, wie wir uns ihm von verschiedenen Seiten genähert haben, hätte ihn das sicherlich gefreut.
Aus der Sicht des Improvisierers ist mir natürlich auch wieder einmal klar geworden, wie sehr wir im Improtheater zu Melodramatik neigen. In einem längeren Stück zeigten wir einen unsicheren Mann, der versucht, über Facebook eine Freundin kennenzulernen und der erst am Ende versteht, dass es sein eigener Mitbewohner ist, mit dem er chattet und in den er verliebt ist. Die beiden treffen sich zum Date im Park. Jeder Improvisierer ist hier natürlich instinktiv froh, die Story rund hinbekommen zu haben. Aber es widerspricht natürlich völlig dem Brechtschen Ansatz, die Moral von der Geschicht in eine Psycho-Botschaft zu verpacken (á la "Der Mensch, den du liebst, steht neben dir.") Vielmehr geht es immer um soziale Zusammenhänge. Damit herumzuexperimentieren, macht natürlich außerordentlich Spaß.
Und wir haben - schließlich sind wir bei Brecht - durch den V-Effekt alle Möglichkeiten, dies auch auf der Bühne zu diskutieren. "Endlich! Endlich!", geht es mir durch den Kopf - improvisierte wahre Dialoge auf der Impro-Bühne, also das, was wir bei der Chaussee der Enthusiasten schon seit Jahren tun.

11. August 2011

Tschechow improvisieren

Ich habe hier schon vor zwei Wochen einen Artikel über unsere Probe zu Tschechow geschrieben. Gestern also die Aufführung. Trotz allem Spaß bei der Probe, waren wir durchaus auch etwas skeptisch, ob das Publikum diesen Spaß würde teilen können. Und tatsächlich: Es hat funktioniert. Es wurde gelacht, es gab gespannte Ruhe, keine Nervosität. Alle sind nach der Pause geblieben. (Wenn 5-10% nichts damit anfangen konnten, waren sie zumindest so höflich, es nicht zu zeigen und ihre kritischen Gedanken für Zuhause aufzusparen.
Als Inspiration ließen wir uns einen Titel geben, einen fiktiven russischen Ortsnamen sowie vier Haupt-Charaktere.
Daraufhin improvisierten wir ein zweistündiges Stück in vier Akten. Beim Umgang mit Tschechow wurde mir immer mehr bewusst, wie sehr unser Impro-Spiel und überhaupt viele Improtheater-Konventionen sich auf den Film beziehen: Die Darstellungsweise, das Tempo, das Storytellipng. Hier jedoch muss man es erst mal aushalten, den Schauplatz über 20 Minuten nicht zu verlassen, die angekündigte Handlung eben nicht geschehen zu lassen, die Story nicht voranzutreiben.
Eine wahre Freude ist es, ein Blockiergewitter abregnen zu lassen.
Der Major zum Koch: "Jetzt geh und hol die Suppe."
Koch: "Ja.", (setzt sich aber hin).
Das schließt auch Selbstblockaden ein.
Die Mutter des Majors, die sich im ganzen Stück todkrank fühlt: "So frisch habe ich mich seit Jahren nicht mehr gefühlt. Wollen wir ein Fest haben!"
Der Arzt: "Das ist eine gute Idee." (geht ab)
Mutter des Majors: "Alle wollen wir zusammen sein."
Arzt (von draußen): "Ich reite fort. Ich muss mich nun verabschieden."
Major: "Ja, lasst uns feiern."
Sohn des Majors: "Ich werde mich stärken, und dann geht's auf nach Paris."
Koch tritt auf: "Die Bäume im Garten sind umgefallen."
Mutter des Majors: "Ich werde neue Bäume pflanzen."
Koch: "Ich habe Euch noch nie so krank gesehen."
Mutter des Majors fröhlich: "Ich bin so unruhig. Ich habe Fieber. Ich werde sterben. Herrlich!"

Es fragt sich, ob einige kleine Redundanzen noch vermieden werden könnten, wenn die Haltungen der verschiedenen Figuren zueinander noch klarer differenziert werden könnte. Denn das scheint mir inzwischen die Stärke zu sein. Wenn man es noch einmal aufführt, wäre meine Frage: Welches Tempo muss die Story haben, um nicht zu sehr stille zu stehen und andererseits noch die Tschechowsche "Wir-tun-nur-so-als-bewegten-wir-uns"-Komik zu haben?

Wenn ihr Erfahrungen zum Improvisieren mit Tschechow habt, schreibt es gern in die Kommentare oder mir per Mail.

10. August 2011

Fokussierte Probe

Am 12.9.2005 schrieb ich hier:
"Wie soll man ausprobieren auf Proben? "Lasst uns einfach mal anfangen!", bringt dann offenbar doch nicht sehr weit, wenn unklar ist, was denn eigentlich ausprobiert werden soll."

Im Mai meinte Ruth Zaporah dazu: Seid euch immer darüber im Klaren, was ihr proben und trainieren wollt.
Vielleicht stimme ich diesem Satz nicht in aller Härte zu. Denn immerhin sind frei schwebende Proben möglich, die auf etwas bisher Unbestimmbares zusteuern, das man selber noch nicht ganz benennen kann. Aber dennoch ist es nicht nur äußerst zeit-effizient, sondern auch am meisten gewinnbringend, wenn man sich zumindest einen bestimmten Fokus gibt. So erinner ich mich an eine Session mit Stefanie Winny, Stephen Nachmanovitch und dem Playback-Theater-Duo "Brad and Mecca". Nachdem wir uns eine halbe Stunde quasi formlos eingegroovt hatten, schlug Stephen vor, uns vorzustellen, an den Wänden des Theaters säßen Zuschauer. Davon die Hälfte taub, die andere Hälfte blind. Unser Ziel wäre, dass die Performance zu jedem Zeitpunkt für jeden Zuschauer interessant ist.

9. August 2011

Narr und Fokus

Notizen aus Seattle:
Der Narr ist nie im Fokus der Szene. Seine Funktion besteht vielmehr darin, ein anderes Licht auf die Handelnden zu werfen.
(Wenn er es doch ist, wird's eine Clowns-Nummer?)

7. August 2011

Reflexionen und Diskussionen im Unterricht kanalisieren

Üblicherweise gibt es gerade nach geistig oder körperlich anstrengenden Übungen, Games usw. einen starken Wunsch der Schüler, dies zu besprechen. Ich halte es für wichtig, diesem Bedürfnis Genüge zu tun, denn das Üben wird erst richtig verankert durch die Diskussion oder Reflexion. Mir scheint aber auch, dass diese Diskussionen nicht überhand nehmen sollten. Gerade in trägen Gruppen oder an warmen Tagen tendieren Schüler zum totquatschen. Man sollte also als Lehrer die Diskussionen möglichst produktiv kanalisieren. Ein paar Beispiele:
1. Nach intensiven Paar-Übungen genügt es völlig, wenn jeder Schüler kurz mit seinem Partner das Erlebte bespricht, insofern es dafür Bedarf gibt.
2. Nach erlebnisreichen Gruppen-Übungen ist ein kurzes Feedback in die Gruppe möglich. Ich bestehe hier darauf, dass die Wahrnehmungen in der Ich-Form wiedergegeben werden. Also statt "Im Tief-Status fühlt man sich so beklemmt", sollte der Schüler sagen "Ich fühle mich im Tief-Status beklemmt." Das ist wichtig, damit nicht individuelle Wahrnehmungen als Tatsachen dargestellt werden. Durch gezieltes Fragen versuche ich, Redundanzen zu vermeiden. Also: "Hat das jemand anders wahrgenommen?" oder "Gibt es noch wesentlich andere Beobachtungen?"
3. Vor dem Beginn des Unterrichts frage ich, ob es zur vergangenen Unterrichts-Einheit oder zu anderen verwandten Themen (gesehene Shows, Lektüre usw.) Fragen, Beobachtungen oder Anmerkungen gibt. Unter Umständen frage ich das auch nach dem Abschluss einer größeren Lern-Einheit.
4. Nach einer Szene oder einem Game frage ich meist zuerst die Spieler, wie es ihnen dabei ging, da das Wohlbefinden in einer Szene oft schon ein guter Kompass dafür ist, ob sie auch von außen funktioniert hat. Das Feedback der zuschauenden Schüler sollte möglichst kurz sein und einen positiven Schuss.
5. Ich beende den Unterricht mit einem Abschluss-Ritual. Zur Zeit sieht das so aus, dass wir im Kreis sitzen und jeder die Möglichkeit hat, ein Element des Workshops zu benennen, das er für sich vom heutigen Tag mitnimmt, sei es ein Satz, der in einer Szene gefallen ist, der Name einer Übung oder etwas, das man gelernt hat.