Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

24. Juli 2011

Vorschläge im Langform-Improtheater

In Seattle längere Diskussion mit Randy Dixon über Vorschläge im Improtheater (die hierzulande unangenehmerweise oft als "Vorgaben" bezeichnet werden).
Ausgangspunkt für mich waren die wunderbaren Shows von TJ & Dave, die einfach ohne irgendeinen Vorschlag starten, sondern nur auf die Bühne gehen, schauen, was passiert, und daraus eine großartige Story von ca. 1 Stunde entwickeln.
Randy Dixon hingegen meint, in dieser Art zu spielen, läge eine gewisse Arroganz. Das Aufgreifen des Publikums-Vorschlags sei nämlich die beste Art, eine Verbindung zu den Zuschauern herzustellen. Nun kann man nicht abstreiten, dass so eine Verbindung hergestellt werden kann. Aber wirklich die beste??
Zunächst ist der Vorschlag ja erst mal nur ein Vorschlag eines Zuschauers, mit dem die anderen Zuschauer vielleicht gar nichts anfangen können.
Zum anderen wundert es mich, diese Fetischisierung des Vorschlags gerade von dem Meister zu hören, dem doch so sehr an Relevanz gelegen ist, d.h. an relevantem Inhalt. Das Publikum muss berührt werden, und das gelingt uns durch Transparenz des Spiels und durch kluges Verwenden der spielerischen Elemente.
Schließlich: Wenn aus dem Spielen ohne Vorschläge Arroganz spräche, so wäre jedes nicht-improvisierte Theaterstück, ein großer Haufen Arroganz.

Kommentare:

  1. Letztendlich lassen die Vorschläge/Vorgaben der Zuschauer so oder so alle Wege offen. _So_ spezifisch wird nämlich im Allgemeinen nicht gefragt bzw. beantwortet.

    Beispiel: "Eine Örtlichkeit für die nächste Szene?" - "Ein Museum!"

    Variante 1: Der erste aufgehende Spieler denkt: "Okay - ein Museum von asiatischen Masken."

    Variante 2: "Okay - wir sind in der Steinzeit, ein Museum von Hinkelsteinen."

    Variante 3: "Okay - das Museum der gequälten Mordopfer aus dem Folterkabinett des Mr. Death."

    Variante 4: "Okay - an einem Montag, vor der geschlossenen Museumstür."

    Variante 5: "Okay - im Stadtrat, wir stimmen über Kulturzuschüsse für das Heimatmuseum ab."

    Und so weiter, und so weiter...

    Als Improvisierer sollte man jede beliebige Publikumsvorgabe spannend finden können. Entweder sie reißt von selbst vom Hocker - oder mit ganz, ganz wenig kreativem Aufwand wird sie im Handumdrehen inspirierend gemacht.

    Genauso gut und im gleichen Stil kann man die Vorgabe auch gleich weglassen und von vorne herein nach demjenigen spielen, was einem grad zufällig in den Kopf schießt.

    Für die Zuschauer steht vor allem im Vordergrund, gut unterhalten zu werden; wie man das bewerkstelligt, bleibt der Truppe überlassen.

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  2. Du hast ja mit allem Recht: Dass Vorschläge in verschiedene Richtungen führen, ja sogar verschiedene Ausgangspunkte setzen.
    Meine Frage hier war aber: Welchen Stellenwert haben sie fürs Improtheater? Mich hat die Vehemenz gewundert, mit der Randy Dixon auf Vorschlägen beharrt hat.
    Selbst TS-Guru Keith Johnstone meint, dass wir sie nicht immer brauchen.

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  3. Hm, ich denke es gibt Formate die interaktiver sind und solche, die es weniger sind. Interaktion ist sicherlich nicht der einzige Weg, den Prozess der Improvisation zu betonen. Dennoch ist es eine Chance, die nur Impro hat, Regietheater kann das nicht.

    Wenn ich näher drüber nachdenke, dann denke ich, dass man mit Publikumsvorgaben 2 Fliegen mit einer Klappe schlägt: Man tritt in Interaktion und aktiviert so das Publikum, man bekommt aber auch eine Inspiration. Wer nicht 100 mal dixiklo hören will, der muss halt intelligent fragen.

    Und gerade beim genannten Museum bietet es sich unheimlich an, weiter zu fragen. Welches Museum wird uns schon viele Fragen darüber beantworten, wohin die Szene gehen kann.

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  4. Alles OK.
    Dennoch: Die Leistung von TJ & Dave hat einen großen Wert. Der Hauptgrund meines Postings ist, diese Kraft anzuerkennen, die aus dem Nichts entsteht und die dennoch eine Verbindung hat, die genauso stark sein kann wie jede auf Vorschlägen beruhenden Impro.

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