Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

30. März 2011

Spielen lassen

"In Wien sagte mir der alte Heinrich Hollreiser einmal: 'Der größte Fehler, den junge Dirigenten machen, ist, dass die das Orchester nicht spielen lassen.'" (Christian Thilemann in ZEIT-Magazin)

Randy Dixon on audiences, attitudes and variety

"The limitations in improvisation are the improvisers, not the audience. The work that we choose to do or we choose to focus on, that holds us back. Every-one talks about wanting to do long-form, storytelling and all that stuff, but some of the groups don't. Or they're so tied into the games. To me there are so many groups, they are not necessarily improvisers, they're game players. They play games by rules, and without the games they can't create anything. We need more people to love the art of improv for the art of improv and not as a process to get to something else."
"The groups need to go deeper in the group work. I think in theatersports we have something that I call personality improv. You are like Oh, that's the funny guy! And that's why that person is doing improv. It's because they get the adulation /admiration of the audience, rather than thinking of what's the group dynamic, where's the group going. And I think that in the group work we're getting deeper and deeper. It's not really short or long form, it's an attitude."
"My development in terms of thinking about this is, I start each project by thinking, what do I want the audience to experience."
"Our style is pretty low key, pretty mellow. (...) We're going to start slow, and take our time, and it seems to be successful for us in terms of training that audience."
"My main philosophy in improvisation is variety."
"One thing about the audience in our shows: We try to make them storytellers as well."
"We don't need to recreate the story of an audience member. We're translating it into the language of theater."
"I'm not in improvisation so much for what we do, although that's great, but I still see so many possibilities in terms of what we can do or could be doing or should be doing. And so I've never really had a moment of like 'Oh, well, this is it.'"
(Alle Zitate von Randy Dixon auf der Podiumsdiskussion des Internationalen Improtheater-Festivals am 20.3.2011 in Berlin)

28. März 2011

Keine Kunst - selber schuld?

Improvisierte Performances, improvisierte Musik, improvisierter Tanz - all das hat seinen Platz in der Rezensions-Presse.
Vom Improvisations-Theater bleibt unterm Strich lediglich übrig: "Und es war alles wirklich improvisiert und spontan!"
Das hat natürlich einerseits mit der Unterbewertung komischer Genres zu tun. Und komischen Tanz als Kunst ist wohl eher die Ausnahme.
Andererseits ist es auch die Schuld der Improvisationstheater selber, die von genau dieser Selbstdarstellung nicht wegkommen.
Und das Fernsehen hat uns mit seinen Trash-Formaten einen Bärendienst erwiesen.
Allerdings muss man auch sagen: Die Sasha Waltzes und Miles Davisse des Improtheaters sind rar.

26. März 2011

Catch the big fish

"You put yourself into some kind of a trance in order to receive certain songs. It's like setting a trap for a song. It's like fishing or anything else. It has to be real quiet to catch the big ones." (Tom Waits)

22. März 2011

Zuhören

Spreche mit Per Gottfredson aus Stockholm über Impro-Auftritte bei Unternehmen (Corporate Gigs). Ich sage, dass ich kein großer Freund dieser Shows bin, da oft etwas ganz bestimmtes erwartet wird und Spieler oft auch die Tendenz haben auf Nummer sicher zu spielen.
Per erzählt die Geschichte, wie seine Gruppe zu einer Veranstaltung bei einem Fair Trade Unternehmen eingeladen war. Dem Publikum wurde vor dem Auftritt ein Film über ein Mädchen in den Slums gezeigt. Und danach sollte das Improtheater spielen. Zwei Spieler gingen auf die Bühne und hielten abwechselnd Monologe, einer in der Rolle eines englischen und einer in der Rolle eines brasilianischen Jungen, die beide ohne es zu wissen, die Liebe zum Fußball eint. Das Publikum war zu Tränen gerührt. Auch das kann Improtheater.
Höre auf das, was bereits da ist.

18. März 2011

Als erstes: Heiter scheitern lernen

"The first thing to learn is how to fail and stay happy. And then we can teach other stuff." (Keith Johnstone)

16. März 2011

Szenenbeginn: Ihr kennt euch

Typische Anfänger-Workshop-Situation: Zwei Spieler beginnen eine Szene. Um das Impro-Risiko zu minimieren, spielen sie Fremde. (Fremde haben nichts zu verlieren.) Der Workshop-Lehrer sidecoacht: "Ihr kennt euch!"
Darauf in 90% der Fälle Spieler A zu Spieler B: "Kennen wir uns nicht von irgendwo?"
Als Antwort in 99,99% der Fälle: "Ja, aus der Schule!"

Sprachlicher Stil

Es gibt keinen genauen Kompass, welche Sprache in welcher Situation angemessen ist. Auch der Realist Thomas Mann musste schummeln und baute bei den Buddenbrooks nur hier und da mal eine kleine Mundart-Sequenz ein.
Wir wissen nicht, wie am königlichen Hofe im 18. Jahrhundert gesprochen wurde. Aber definitiv ist ein "Okay, wird erledigt" unpassend.
Entwickle ein Sprachgefühl!

Komik der Fehler

Fehler sind im Improtheater auf eine gute Art komisch, wenn sie aus dem Wagnis und dem Engagement heraus entstehen. Vorsätzlich schlecht zu spielen, schlecht zu singen usw. erzeugt ebenfalls Lacher - allerdings der billigen Sorte. Wenn wir damit erst anfangen, werden wir die Geister, die wir riefen, nicht mehr los und trainieren uns schlechtes Spiel an.

14. März 2011

Kleine und große Szenen-Fehler

Rechtfertigen nervt und ist im Grunde oft Gagging. Mach nicht so ein Bohei um die szenischen Fehler. Wenn Steffi die gemimte Tür nach innen öffnet und Matze nach außen - was soll's. Das sind Kleinigkeiten, die in jedem Film auftauchen und keinen interessieren. Da müssen wir nicht extra noch betonen, dass das die Tür ist, die sich sowohl nach innen als auch nach außen öffnet.
Einer der häufigsten Fehler ist wohl das Vergessen oder doppelte Vergeben von Namen. Anstatt nun das immergleiche Spiel zu spielen: "Martin? Ich dachte sie heißen Georg?" "Ja Martin-Georg", kann man doch auch mal kurz aus der Szene heraustreten und kurz fragen. Dasselbe natürlich auch bei richtig großen Schnitzern oder Missverständnissen: Natürlich können wir Johnstones "Zwei Welten" bis zum Umfallen spielen, aber davon wird die Szene auch nicht schöner. Bevor man sich völlig verrennt, kann man doch anhalten und sich verständigen: "Sind wir jetzt in der Rückblende oder wieder in der Gegenwart?"

Das soll natürlich nicht zu Fehlersuche beim Spiel verleiten. Nimm Stolpler als Inspiration.

9. März 2011

Suzanne Shepherd teaching

"Ich sage Schauspielern immer: Es gibt einen großen Unterschied zwischen Logik und Wahrheit. Als Schauspieler hast du nur mit emotionaler Wahrheit zu tun. Da gibt es keine Logik. Tu nie etwas, das Menschen nicht tun. Das mag begrenzend klingen, vielleicht denken Sie jetzt, das zwingt sie dazu, fantasielos oder gewöhnlich zu sein. Nein. Sie tun, was die Umstände Ihnen diktieren. Daran ist nichts gewöhnliches."
"Manche Menschen denken: Wenn ich schauspiele, ist das eine Pause von meinem Leben. Aber es ist keine Pause. Das ist dein Leben! Es ist mehr von deinem Leben als dein alltägliches Leben." "Schauspiel ist nicht So-tun-als-ob. Schauspiel ist Glaube. Glaube daran, dass das, was du tust, ein Leben verändert – das Leben deines Characters."

6. März 2011

Unblock

"You didn't block if your partner felt inspired." (icke)

Vorfahren des modernen Improtheaters - nicht nur Commedia dell'arte

Man möge nur irgendein Buch, irgendeinen Artikel über die Geschichte des Improvisationstheaters lesen - als Vorläufer des modernen Improvisationstheaters wird fast ausschließlich die Commedia dell'arte erwähnt. Ich vermute, dass es daran liegt, dass diese über ein derart markantes und gleichzeitig universelles Figurenensemble verfügte, dass gerade darüber besonders viel geschrieben wurde und sie in Mittel- und Westeuropa einige Ableger hatte.
Sicherlich haben wir es mit einem Quellenproblem zu tun. Was können wir schon wissen von den Theaterspielern, die fahrend durchs Land ziehen? Wir wissen von ihren Lebensbedingungen, teilweise vielleicht von einigen Inhalten - wenn sie skandalös genug waren. Aber von deren improvisatorischen Kenntnissen und Fähigkeiten haben wir keine Ahnung. Ich denke, so ähnlich wie die improvisierte Musik im 19. Jahrhundert in Europa fast verstummt ist, ging es auch dem improvisierten Theater. Die Stückeschreiber setzten sich durch.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie im Mittelalter nach einer vergeigten Vorstellung die Schauspieler zusammensaßen und einander rieten, mehr auf die Angebote des jeweils anderen einzugehen.
Und im 20. Jahrhundert musste das Rad neu erfunden werden.

http://www.youtube.com/watch?v=gooZ7HO42Xo
Ab 0:50
"I think improvisation in the culture has always been important. (…) The written theater has hardly ever existed. 83 years in Greece, 150 years in the Renaissance (…). In the last 2,500 years we’ve had two or three hundred years when people have been writing plays that they have endured, where you had a living theater. But meanwhile you had the improvisers. In Greece, commedia dell arte in Italy, Circus, Burlesque, all of that is another substream of comedy. You had the improvised comedy which went unbroken for 2,500 years. So, when you’re improvising today, you are representing a tradition that’s 2,500 years old and you better remember it." (Bernie Sahlins)

4. März 2011

Kinder darstellen

Kinder-Charaktere im Improtheater sind oft so widerwärtig, dass ich schon als Faustregel ausgegeben hatte: "Lieber keine Kinder spielen."
Meist brüllen sie rum, sind dumm, haben keinerlei moralische Standards.
Einfache Lösung: Kluge Kinder spielen. Und das liegt ja auch irgendwie auf der Hand, denn im Grunde sind ja die mieisten Kinder klug. Es ist nur eine ignorante Sicht, Kinder immer dann wahrzunehmen, wenn sie laut, dumm und amoralisch sind.

"Character ist kein Gefühl, sondern eine Sichtweise"

2. März 2011

Inspiriert euch!

"I train people to go on the stage and inspire the other person."
(Keith Johnstone)

1. März 2011

Akzeptieren als Spieler vs. Akzeptieren als Figur

Was bei Johnstone unbeleuchtet bleibt: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Akzeptieren des Angebots eines Mitspielers und dem Angebot der Figur.
Wenn A zum Beispiel sagt: "Komm mit!", dann sollte man natürlich im Zweifel "Ja" sagen und eben mitgehen. Nun kann es aber auch im Sinne der Szene sein, Widerstand zu leisten, etwa wenn der Sohn gegen den tyrannischen Vater endlich aufbegehrt. Entscheidend ist, dass beide Spieler sich über das Spiel einig sein sollten, d.h. man sollte nicht als Spieler streiten.
Das Akzeptieren eines Angebots einer Figur treibt die Handlung (oft auch im physischen Sinne) voran. Das ist besonders wichtig, wenn wir Plattformen bauen. Irgendwann brauchen wir Widerstand, und dann ist das Nein die akzeptierende Antwort.

Das Problem der Improspieler besteht aber oft darin, dass sie allzu schlau ihre andauernden Neins mit der Logik ihrer Figur begründen. Es ist wohl im Improtheater noch nie eine Szene mit zu vielen Jas gespielt worden.

Freeze Tag

Wie ich hier vor ein paar Jahren beschrieben habe, wird gerade eines der populärsten Spiele, nämlich Freeze Tag (Tag Out, Einfrieren) von Johnstone und Spolin kritisiert. Von Spolin, weil die Einfrier-Haltung einen körperlich und geistig lähmt. Von Johnstone, weil letztlich andauernd Ideen zerstört werden.
Ich denke aber, dass man das Spiel trotzdem gut spielen kann.
- Man friere nicht starr ein, sondern bleibe innerlich locker und beweglich.
- Das Spiel kann als Training für die Wahrnehmung von Beats genutzt werden: Wann ist die minimale Sinn-Einheit vorbei.
- Als Warm-Up finde ich es auch sinnvoll, wenn wir einfach Ideen am laufenden Band produzieren, quasi ein szenisches Äquivalent zum freien Assoziieren. Dabei ist es nicht einmal nötig, die Haltung des Ausgeklatschten zu übernehmen, sondern man assoziiert auf die Haltung dessen, der in der Szene bleibt.
- Ich denke auch, dass es, wenn es gut gemacht ist, auch aufführbar ist. Voraussetzung hier: Die Spieler schaffen es wirklich, mit fünf-sechs Sätzen eine kleine sinnvolle Szene darzustellen.