Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

8. Februar 2011

Warum Genres?

Man könnte doch meinen, sie grenzten ein, bedienen Klischees usw.
Fördern sie überhaupt die freie Entfaltung szenischer Möglichkeiten auf der Bühne?
In der Tat bedeutet Genre, dass wir uns einem Stil unterwerfen, uns also Grenzen setzen. Wenn wir also versuchen, ein Stück im Shakespeare-Stil nachzuempfinden, können durchaus mystische Wesen - Feen, Geister Verstorbener, Gnome usw. - auftauchen. Nicht aber Marsmännchen. Man mag das als Beschränkung der Freiheit ansehen. Aber genau die Beschränkung der Mittel erlaubt uns erst, eine Form zu finden. Es ist fast schon banal: Ohne Grenze keine Form. Für uns durchdekliniert heißt es: Wenn wir uns einem theatralen oder filmischen Genre nähern, können wir versuchen, es einzukreisen:
- Werden bestimmte Themen vorzugsweise behandelt?
- Tauchen bestimmte Figuren immer wieder auf?
- Welche szenischen Mittel werden verwendet?
- Welcher Sprache bedienen sich die Figuren?
Sind die ersten Bilder, die einem dazu in den Kopf kommen, eher Klischees oder wirklich kennzeichnend für das Genre? Ein Beispiel: In beinahe keinem Impro-Western, den ich bisher auf der Bühne gesehen habe, fehlt ein Duell oder eine Szene im Saloon, wo einer äußert, Joe sei wieder in der Stadt. Nun sind Duelle, Saloon-Szenen und der Fremde keineswegs untypisch, aber andererseits auch nicht formgebend. Auf der anderen Seite gibt es (von ein paar Miniaturen abgesehen) keinen Western ohne Pferde. Aber Impro-Spieler vergessen im Western fast immer das Reiten.
Im Grunde geht es darum, die Poesie des Genres zu erfassen. Wie erschafft das Genre eine faszinierende Form?
Aus rein story-technischer Perspektive hat das Genre aber auch noch eine weitere Funktion: Die Geschichte für den Zuschauer handhabbar zu machen. Worum geht es? Wenn wir einfach ohne Formgefühl drauf los spielen, verlieren die Szenen einfach ihren Zusammenhang und ihren Sinn. Nehmen wir einen Mord. In einem Sherlock-Holmes-Krimi hat der Mord einen anderen Sinn als in einer Shakespeare-Tragödie. In einem Western wie "Spiel mir das Lied vom Tod", in dem es am Ende über dreißig Tote gibt, spielen diese Morde eine ganz andere Rolle als etwa in "Der Pate".
Wenn wir uns in ein Genre vertiefen, verengen wir zwar zunächst unseren Handlungsspielraum, indem wir uns durch die Form Grenzen auferlegen. Andererseits vertiefen wir unsere Fähigkeiten - sei es narrativ, schauspielerisch, poetisch oder strukturell. Und so erweitern wir unsere improvisatorischen Fähigkeiten, indem wir sie zunächst einengen.
Im Improtheater müssen wir uns natürlich fragen: Wie können wir mit unseren oft sehr begrenzten Mitteln überhaupt dem Genre gerecht werden? Um an das Beispiel oben anzuknüpfen: Wir haben schließlich keine Pferde auf der Bühne. Spontan werden wir sicherlich nur in wenigen Momenten an die sprachliche Kraft Shakespeares auch nur heranreichen. Wie sollen wir Landschaftsaufnahmen, Kamerafahrten und ähnliche Mittel des Films umsetzen? Wie gehen wir mit dem Problem des Who-dunnit um, wenn die Schauspieler selber nicht wissen, wer der Möder war? Wie führen wir ein Stück auf, bei dem wir eigentlich zwölf Charaktere brauchen, aber nur drei Schauspieler zur Verfügung haben?
Wir müssen uns die Genres handhabbar machen. Teilweise sollte man schon eine gewisse Mühe aufwenden. In ein Shakespeare-Stück gehören fünfhebige Jamben, keine gereimten Knittelverse (Mit ein bisschen Übung und Sprachgefühl kommt man dem recht schnell nahe). Manchmal ist auch strukturelle Phantasie gefragt. Ich denke da an die Bochumer Hottenlotten, die ihre Krimi-Form so gestalteten, dass nur einer von vier Schauspielern wusste, dass er der Mörder war, und sowohl Publikum als auch Mitspieler sind am Rätseln.
Einen anderen Weg geht die vierköpfige texanische Gruppe Parallelogramophonograph. Sie legen großen Wert auf Kostüme und Archetypen, die sie vorher bereits festlegen und als Rahmen nützen.
Taucht ein ins Genre, und kommt reicher heraus.



(Obenstehende Gedanken sind weniger relevant bei Schnellschuss-Games á la Genre-Replay, wo es nur darum geht, schnell etwas zu behaupten.)

1 Kommentar:

  1. In Genres wird man ja teilweise auch reingezogen, man kann die Auseinandersetzung gar nicht vermeiden (Vorgaben wie "Colt", "Lichtschwert", etc.).

    Ich finde, man sollte die Basic-Genres kennen und bei abgefahrenen Genres einfach das Publikum fragen, was es damit verbindet (wer hats vorgeschlagen???). Also einen Western und Horrorfilm sollte man als erfahrenerer Improspieler schon machen können, ohne in platten Klischees zu ersaufen. Einen Surferfilm muss man hingegen eher nicht können, aber wenn man 3-4 weitere Inputs dazu kriegt (gutaussehende Menschen, Oberflächlichkeit, Naturaufnahmen, Parties, Contests), dann sollte man schon genug Material zum Entwickeln haben.

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