Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

31. Oktober 2010

Inhaltliches Engagement

Wenn wir nur mit Technik prahlen, sei es Impro-Technik, Gesang oder was auch immer, so reduzieren wir Improtheater auf ein äußeres Spektakel.
Wir müssen natürlich als Spieler transparent sein, und Improvisationstheater an sich ist natürlich eine durchaus komische Angelegneheit, aber wenn wir eine gewisse Tiefe wollen, dürfen wir uns der inhaltlichen Tiefe nicht verweigern.
Denn wir sind nicht nur Schauspieler und Regisseure, sondern auch Autoren unseres improvisierten Stücks.

29. Oktober 2010

Noch einmal Hitchcocks Psycho

Nachtrag zu den Gedanken vom 26.11.06: Hitchcock führt uns mit der Geschichte vom gestohlenen Geld nicht nur plotmäßig auf die falsche Fährte sondern auch perspektivisch. Wir sehen die ersten 47 Minuten fast ausschließlich aus der Perspektive von Marion, fiebern mit ihr mit, ob sie mit dem Geld flieht, ob sie wieder umkehrt, ob sie erwischt wird usw. Und als wir uns voll mit ihrer Gedankenwelt identifiziert haben, wird sie ermordet. Es ist, als steche das Messer in unser Denken.

25. Oktober 2010

Lange nicht gesehen

Neulich zwei typische Anfänger-Elemente wiedergesehen, die ich schon für ausgestorben hielt:
1) Jemanden, der bei Freeze Tags auf der Erde kniet, fragen, ob er die Kontaktlinse schon gefunden hat.
2) Der Reigen, bei dem der Held einen Wettbewerb zu bestehen hat (wahlweise Sport, Musik, Tanz oder Wissenschaft).

Die nicht so spannende Melodie

Das kann natürlich auch passieren: Eine großartige Langform, wunderbar improvisiert, Geschichte mit tollem Bogen, wunderbares Schauspiel. Und dennoch war das Thema etwas langweilig.
Jetzt bloß nicht traurig werden und analysieren, was man falsch gemacht haben könnte. Man hat das Beste gegeben und Gutes geleistet. Es ist wie in der Musik: "Einige Themen nehmen uns sofort gefangen, bei anderen anerkennt man lediglich Technik und Eleganz."

24. Oktober 2010

Zuhören

Bei den richtig, richtig guten Impro-Gruppen habe ich nie Probleme beim Zuhören erlebt. Jeder Name, jeder Ort, jede Szene bleibt erinnert.

21. Oktober 2010

Schluckauf-Tricks als Übungen

"Anything that works for hiccups works for getting out of your head." (Henderson on YesAnd)

20. Oktober 2010

Langform in eine Match-Show einbauen

Moderiere anlässlich des Berliner Improfestivals im Bühnenrausch einen Micetro. Als ich den Spielern in der Pause eröffne, dass ich vorhabe, sie eine Langform spielen zu lassen, fallen sie aus allen Wolken. Das könne man zu diesem Zeitpunkt nicht machen, und nicht bei dem Publikum (30% Kinder). Ich erbitte mir kurze Bedenkzeit, und Entscheidungsfreiheit und sage zu, dass ich ihre Skepsis berücksichtige. Wäge ab und lasse sie dann doch einen Harold spielen.
Wer hätte das gedacht - der zweite Teil wird mindetens so gut wie der Erste, wenn nicht gar besser. Die Spieler (vielleicht auch im Bewusstsein, dass es sich um eine herausforderungsvolle Form handelt), spielen sehr konzentriert und hingebungsvoll.

19. Oktober 2010

Zusammenarbeit Lennon/McCartney

Künstlerische Zusammenarbeit ist mehr als die Summe ihrer Teile.

Joshua Wolf Shrenk am Beispiel der Entstehung von "With a little help from my friends" von den Beatles.

In 1967, the journalist Hunter Davies sat in on several of those sessions. One priceless account shows the slow, ambling course of discovery on the way toward "A Little Help From My Friends."

They started around 2 p.m. in Paul's workroom, a narrow, rectangular space full of instruments and amps and modern art. The previous afternoon, they'd gotten the tune for the song. Now they were trying to polish the melody and write lyrics. John took up his guitar and Paul banged at the piano. "Each seemed to be in a trance," Davies wrote, "until the other came up with something good, then he would pluck it out of a mass of noises and try it himself."

"Are you afraid when you turn out the light?" John offered.

Paul repeated the line, agreeing it was good. John said they could begin each of the verses with a question. He offered another one. "Do you believe in love at first sight?" "No," he interrupted himself. "It hasn't got the right number of syllables." He tried singing the line breaking it in two between "believe" and "in love."

"How about 'Do you believe in a love at first sight?' " Paul offered. John sang that, and instantly added another line. "Yes I'm certain that it happens all the time." They repeated these three lines over and over again. It was now five o'clock. Some others came by, and as they bantered about, Paul started doodling on the piano before breaking out into "Can't Buy Me Love." John joined in, shouting and laughing. Then they both shouted out "Tequila."

"Remember in Germany?" John said. "We used to shout out everything." They did the song again, with John throwing in words in every pause—"Knickers" and "Duke of Edinburgh" and "Hitler."

"Then, as suddenly as it had started," Davies wrote, "they both went back to the work at hand."

John sang a slight modification of the line they'd agreed on. "What do you see when you turn out the light?" Then he answered the question: "I can't tell you, but I know it's mine." Paul said that would do and wrote the four lines on a piece of exercise paper propped up on the piano. Then they broke for cake.

Had Jann Wenner picked up Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band, pointed to the second track, and took Lennon up on his offer to say "exactly who wrote what, you know, and which line," could Lennon have said honestly he had written that day's material? Sure. The only explicit edit of Paul's was the indefinite article "a."

Yet, looking for concrete divisions in their labor, though not irrelevant, can certainly seem myopic. It feels, from Davies' account, as though the two men were bound by a thousand invisible strings.

http://www.slate.com/id/2267342/entry/2267345/

Crumbs quotes

Lee: "I'm an improviser. I can stop anything interesting from ever happening."
Stephen: "audiences will forgive errors in content more readily than they will forgive errors in rhythm."
Hier gefunden: http://storyrobot.com/improv/?p=233

16. Oktober 2010

Dem Rhythmus widerstehen

Rhythmisch akzentuierte Begleitmusik kann für Impro-Spieler oft schwieriger sein, als es dem Musiker erscheint. Vor allem musikalisch sensible Spieler tendieren dazu, den Rhythmus aufzunehmen und tänzerisch umzusetzen. Nun ist nichts gegen Tanz einzuwenden, es sei denn, wir spielen eine Szene, in der der Tanz die Szene eben zerstören würde. (Wie es ja auch in Hollywood- und Russenfilmen der 50er nervt, wenn an jeder dramatischen Stelle eine Horde Tänzer erscheint und der Held zu singen beginnt.)
Nun soll der Musiker sich ja nicht des Rhythmus enthalten, aber er sollte sich bewusst sein, welche Schwierigkeiten er bei den Schauspielern auslöst.

8. Oktober 2010

Nörgeln

Aus der Reihe Regeln, über die ich mir nicht 100%ig sicher bin: Nörgle nicht!
Nörgeln ist eine Art von schlecht anzuhörendem Streit, es bringt die Szene nicht voran, und macht die Figuren hässlich und öde. Unterschwelliger Ärger, unterdrückter Zorn, Angst usw. sind als negativer Ausdruck allemal interessanter.

5. Oktober 2010

Manierismen

Hüte dich vor der Verführung, gute Spieler, Ensembles, Shows usw. eins zu eins zu kopieren, sonst ahmst du letztlich nur Manierismen nach.

4. Oktober 2010

Idee vorantreiben

Eine kleine Übung in Andy Goldbergs "Improv Comedy" gefunden: "Idee vorantreiben" ("Pitching an idea") und endlich auch ausprobiert.
Drei oder vier Spieler im Halbkreis und bekommen eine Grund-Idee, die sie vorantreiben sollen, z.B. "eine Brille, die sich selber putzt". Aufgabe: Jedes Angebot muss auf dem vorangegangenen aufbauen. Nichts wird beiseite geschoben.
Wunderbar zum Trainieren des Ja-UND-Muskels.

1. Oktober 2010

"Manchmal schlage ich den Spielern vor, dass wir wie eine Truppe Paranoider spielen. Nichts, was ich hier höre, ist einfach. Nichts, was ich von dir höre, wird oberflächlich akzeptiert. Es bedeutet alles etwas anderes."
Wie ich an dieser Stelle schon einmal sagte, erzeugen Paranoiker, Esoteriker und eben auch Künstler einen Überschuss an Bedeutung.