Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

30. Juni 2010

Krimi-Impro: Foxy Freestyle + Paternoster

Ausnahmsweise hier mal eine Impro-Vorschau: Am kommenden Freitag, dem 2. Juli, improvisieren wir in der Alten Kantine in der Kulturbrauerei "MordART", und zwar erstmals zusammen mit unseren Nachbarn und Kollegen von "Paternoster".
Ich freu mich.

21. Juni 2010

Was sagen wir hier eigentlich

Keith Johnstone ermutigt die Impro-Anfänger, das Neheliegende zu wählen, auch wenn es Obszönitäten sind oder völliger Quatsch entsteht.
Aber von Zeit zu Zeit sollten wir doch auch ein Auge auf den Inhalt werfen, den wir da produzieren. Wozu sonst stehen wir auf der Bühne.
Randy Dixon gibt folgenden Vergleich: Wir produzieren eine Schale. Und im Improtheater schauen wir in der Regel auf die Schale (d.h. das Format oder Game) und wie gut wir diese Schale hinbekommen haben. Meistens diskutieren wir jedoch über den Prozess des Erschaffens der Schale. So gut wie nie jedoch über den Inhalt, den diese Schale hält (oder auch nicht). So wacklig diese Metapher auch sein mag, so wichtig ist es jedoch auch, dass wir von Zeit zu Zeit auch mal die Konvention brechen, und mal nicht nur über das Wie, sondern auch über das Was zu reden.
Habe ich überhaupt etwas zu sagen? Will ich etwas sagen? Wem will ich etwas sagen? Usw.
Es ist eine Diskussion, die man wahrscheinlich am ehesten mit sich selbst allein führen muss. Oder?

14. Juni 2010

Gemeißelte Sätze

Übung zum Behaupten & starke Angebote:
Szene mit starken Sätzen, die wie Sprichworte oder Lebensweisheiten in Stein gemeißelt sind.

13. Juni 2010

Verstehen und Nachdenken

Nicht nur war Masako Kimura Impro-Anfängerin. Sie sprach auf einem Workshop in Seattle so gut wie kein Englisch. Ihre einzige Chance war, sich körperlich zu öffnen und entsprechend auf die Angebote der Mitspieler einzugehen. Sie beschreibt dieses Gefühl als "völlig im Moment".
Randy Dixon zu ihr nach dem Workshop: "Richtig schwierig wird es für dich erst jetzt, wenn du nach Japan zurückkehrst. Dann wirst du deine Mitspieler verstehen, und dann geht das Nachdenken los. Dann wirst du dir "

12. Juni 2010

Spaß als einziges Kriterium?

Grundregel: Es muss Spaß machen.
1. Dir.
2. Dem Publikum.
3. Deinen Mitspielern.

Es ist kein großes Problem, wenn es mal dir, deinen Mitspielern, oder auch dem Publikum nicht gefällt. Wenn das aber zu einem Dauerzustand wird, muss man vielleicht ein paar Schrauben nachstellen.

1. Das Improvisieren soll dir Spaß machen. Wozu sonst solltest du es tun? In den allermeisten Fällen, ist die Frage "Hat es mir Spaß gemacht?" ein guter Kompass dafür, ob die Szene gut war.
Aber tatsächlich gibt es Tage, an denen das Publikum vor Vergnügen brüllt, die Mitspieler sich backstage freudig auf die Schulter klopfen, und man selbst wird das Gefühl nicht los, dass es heut nicht gut war. Man nehme es nicht so schwer. Man nimmt Szenen und Shows von Zeit zu Zeit unterschiedlich wahr, und der Grund dafür kann manchmal einfach das falsche Bein sein, mit dem man aufgestanden ist, PMS oder das schlechte Wetter. Wenn das Gefühl sich jedoch auf Dauer einstellt, sollte man sich fragen, was man hier tut. Gib die Schuld nicht allzu schnell an deine Mitspieler, die Zuschauer oder an dich selbst. Frag dich zunächst: "Was kann ich selber tun, damit die Show mir wieder Spaß macht?" Ein guter Weg dahin ist Überakzeptieren. Sich wieder auf die Grundlagen besinnen. Nicht zu schnell bewerten. Den Quatsch der Mitspieler akzeptieren und damit spielen. Vielleicht hast du auch nur eine Schlechte-Laune-Phase, die man aussitzen muss. Aber wenn das alles nicht hilft, wenn Publikum und Mitspieler andauernd wie von einem anderen Stern wirken, solltest du dir vielleicht eine andere Gruppe suchen. Das ist aber wirklich der allerletzte Schritt. Denn vielleicht warten ja deine Mitspieler auch auf neue Vorschläge von dir.
2. Wenn deine Mitspieler keine Freude mehr haben, und nicht mit dir spielen wollen, während du dich prächtig amüsierst, könntest du dich fragen, ob du gerade dazu tendierst, sie zu überfahren, ihre Angebote nicht wahrzunehmen, auf ihre Kosten zu spielen. Wenn du in einer größeren Gruppe derjenige bist, mit dem alle vermeiden zu spielen, kannst du das Problem auch mal ansprechen. Bist du vielleicht der passive Spieler am Rande, der belustigt zuschaut, während die Kollegen die Show reißen müssen? Solltest du an bestimmten Techniken - Stimme, Schauspiel, Präsenz - feilen?
3. Wenn ihr völlig im Spiel aufgeht, ihr das Publikum aber nicht begeistern könnt, muss das erst mal noch kein großes Problem sein. Ein paar Meckerer gibt es immer. ("Zu viele Noten, Herr Mozart, zu viele Noten.") Manche Zuschauer kommen in die Show, weil sie etwas ganz bestimmtes erwarten und dann enttäuscht sind, z.B. Theatersport und dann kommt auf einmal Langform-Impro. Diese Meckerer kommen und gehen. Man kann es nicht jedem recht machen. Vor allem solltet ihr nicht etwas spielen, worauf ihr keine Lust habt, nur um dem Publikum gefallen zu wollen. Wenn ihr aber dauerhaft negatives Feedback bekommt, wenn ihr kein Stammpublikum aufbaut, wenn die Stimmung im Publikum eisig bleibt, dann habt ihr ein Problem. Man kann sich künstlerarrogant herausreden: "Die sind zu doof für uns."
Aber oft sind es nur kleine Dinge, die ausschlaggebend sind, z.B. die Atmosphäre im Raum. Ein kleines Publikum muss man stauchen, damit eine gelöste Spannung entsteht und sich alle wohlfühlen; man setze sich ruhig mal testhalber ins Publikum.
Und vielleicht ist eure Show wirklich langweilig, albern oder uninspiriert. Geilt ihr euch vielleicht einfach daran auf, dass ihr auf der Bühne steht? Bühnenadrenalin kann viel verklären. Setzt einen von euch ins Publikum, der euch hinterher Feedback gibt.

9. Juni 2010

Interview with Steve Sim

Auszüge aus einem Interview mit Steve Sim von den Crumbs

(Über die Philosophie in den Anfangstagen) "If it's short, it ends. If it's long, keep going. There's no rules. Games - those are for the class room. (...) Sink or swim, do or die.)"

"There was fear before, because I didn't know what the hell I was doing. Now I know that I'm having fun and how to make it fun for me."

"Once you're in a different city and you have to do it, and it's not your friends and family showing up, you've got to raise the bar you've got to I'm-really-working-now."

"I didn't call [the rules] 'rules'. (...) What I understand most is that it's a common vocabulary of the impro scene, whereas we didn't have necessarily words for it, like "Yes And', 'Agreement', 'Forwarding'."

"When anyone asked if they could learn improv, I'd say, you can't learn it in a class, you have to do it. And then after being at these festivals and meeting these people and working with these people - cause all of these are great improvisors as well - I realized, maybe there is a way to teach this."

"I can teach people to trust, I can teach people to follow their impulse. I can teach people to relax. Rather than This-is-how-you-do-it,it's How do you do it."

"I would do a scene with somebody who's never been on stage before. And I was still young in improv as well, and it still made me afraid. But here I was on stage about to do an improv scene with somebody who was more afraid than me. So, I had to be relaxed. I had to make them feel safe. I had to make them the star.

"The improv games (with Keith Johnstone) were fun on the surface. It was much deeper and more meaningful and more fun for us to create these open scenes."

"We started getting invited to festivals to play and we started getting invited to teach. And I think that part of that is due to the fact that we weren't in the Johnstone school or in the Second City school, the Improv Olympic school. We learned those things later."

"I think that I'm a more physical player than Lee. And Lee, I think, is a better actor than me. He's got more emotional range, perhaps. And I think I'm good at seeing the bigger picture. I think, Lee can do better monologues than me. And I think I can do better abstracts work."

"There's not much difference from country to country doing the shows. There's more difference in the same city than city to city."

(Die Fragen stellte Stephan Holzapfel für www.impro-news.de)

Waaas? Du kennst das Witschiwatschi-Spiel nicht?

Lass dich nicht einschüchtern, wenn du in eine Impro-Gruppe einsteigst oder gecastet wirst und du ein bestimmtes Spiel oder eine Technik nicht kennst. Oft werden nur verschiedene Namen für dieselbe Sache verwendet. Und zweitens sagt es noch gar nichts über deine Fähigkeit als Improspieler.
Lass dich nicht einschüchtern. Auch nicht von den arroganten Blicken einzelner Mitglieder.

8. Juni 2010

Status gegenüber Räumen und Gegenständen

(Ich weiß nicht, ob ich das hier schon mal erwähnt habe und bin auch unsicher, ob ich diese Beobachtungen woanders schon mal gelesen habe.)
Ich denke, Status hat man erst dann verinnerlicht, wenn man ihn auch gegenüber Räumen und Gegenständen spielen kann. Respekt oder Selbstverständlichkeit des Umgangs drückt sich nämlich nicht nur gegenüber Personen, sondern auch gegenüber Räumen und Objekten aus.
Johnstone erwähnt das Beispiel von König Lear, der mit großer Gelassenheit den Palast betritt und sich am Feuer wärmt. Der Hochstatus, den wir in dieser Szene sehen, bezieht sich ja nicht allein auf die außerdem anwesenden Personen, sondern auch auf den Raum. Man stelle sich vor, der Gärtner des Königs würde in den Krönungssaal geschickt werden, und er betritt ihn nun zum ersten Mal: Jeder Schritt unsicher, Angst, etwas kaputtzumachen, und über allem das Gefühl: "Das ist nicht mein Raum, ich gehöre eigentlich nicht hierher."
Hochstatus gegenüber Gegenständen: Ich benutze sie mit großer Selbstverständlichkeit und Gelassenheit.
Tiefstatus gegenüber Gegenständen: Es steht mir eigentlich nicht zu, sie zu berühren.
Die typischen physischen Features finden sich auch hier. Der Hochstatus vergrößert den eigenen Radius. Der Tiefstatus verkleinert ihn.
Dies ist meines Erachtens der Kern von Status, und Johnstones Leistung ist es, dies so ausführlich beschrieben zu haben. Worin ich mit hm nicht übereinstimme: Hochstatus heißt nicht Kommandieren.

5. Juni 2010

Schöne Show

Wie im letzten Posting erwähnt, fand ich die gestrige Show ziemlich gelungen.
Unsere Wiki-Langform im 2. Teil:

1.

Colt Defense
Der einsame Rächer Merge Black sucht seinen Sohn Joe, der vom Comanchen-Häuptling "Schwarze Narbe" entführt wurde. In seinem Colt Defense Gewehr sind Kerben für jeden getöteten Indianer. In einem Saloon in Nebraska gibt ihm ein kleiner Junge den entscheidenden Tip, aber als Vater und Sohn sich treffen, erkennt Merge Black, dass Joe inzwischen zu einem Comanchen geworden ist. Entscheidender Satz: "Ein Vater erkennt seinen Sohn am Geruch."

2. Das junge Paar - Oliver und Simone - hat ein Rendezvous auf dem Seeparkturm, aber ihr Vater, Herr Keinzle, mit seinem Schmetterlingsfimmel legt ihnen Steine in den Weg. Ende gut, alles gut, wenn die beiden nicht die Fackeln am Turm stehengelassen hätten.

"Den Korallenfalter hast du im Seepark gefunden?"
"Nein, bei Ihnen im Elektrozaun."


3. Wir schreiben das Jahr 1935. Billy aus Detroit lebt in den Elendsvierteln der Stadt und kann mit seinem Job auf dem Bau kaum seine Frau und sein Kind ernähren. Da kommt ihm ein Job als Spitzel des Chefs ganz recht: Er soll alle verpfeifen, die eine Gewerkschaft gründen. Ein Brechtsches Musical, das den sozialen Zusammenhalt in den Slums beleuchtet, in der soziologischen Tradition von Herbert J. Gans .

"Du hast McEnroe und Turnstyle auf dem Gewissen, die auf dem Grunde des Eriesees liegen. Und jetzt auch Jack."
"Der Pegel des Eriesees ist schon gestiegen."

Urteil und Kritik #2

Schönes Nachspiel zum gestrigen Eintrag. Eine der gelungsten Shows dieses Jahres, und im Gästebuch von Foxy Freestyle wird genörgelt, wir würden das Publikum nicht genügend einbeziehen, was wiederum als Beleg genommen wird, dass wir "nicht richtig" improvisieren.
Interessanterweise kommt diese Kritik natürlich nicht vom Stammpublikum, dessen Kritik wir durchaus auch mal ernstnehmen, sondern von Zuschauern aus Göttingen, die eben eine spezifische Form des Improtheaters kennen.
Was soll man da sagen? Pech gehabt. Ich akzeptiere Detailkritik, was schauspielerische oder improvisatorische Leistung betrifft, aber wenn ich z.B. Lust habe, zum Beispiel eine Langform ohne Publikumsbeteiligung zu improvisieren, dann erwarte ich auch Offenheit vom Publikum.
Und hier ist auch die Improszene gefragt: Nicht das Publikum mit den immergleichen Formaten und Games abfüttern und die Zuschauer auf diese Weise konditionieren, sondern auch mal über den eigenen Schatten springen.

4. Juni 2010

Urteil und Kritik

Fast jeder Impro-Anfänger muss sich freimachen von der Angst, beurteilt zu werden. Wir empfinden das Urteil an unserem Werk als Urteil über unsere Person. Und das macht vorsichtig. Das geht im Grunde jedem Künstler so, mehr aber noch in der Improvisation, wo es kein Zurück gibt, kein Korrigieren. Von 100 Impro-Anfängern unterliegen 90 dieser Angst, die es erst einmal zu lockern gilt.
Aber auch später taucht diese Furcht immer wieder auf. Und dan spielen wir auf Sicherheit, wenn man von "Spiel" in solchen Situationen überhaupt noch sprechen kann.
Heißt das aber, wir sollen Urteil und Kritik völlig ausblenden? Wie wollen wir uns denn weiterentwickeln ohne Kritik? Wie wollen wir ohne Urteil urteilen?
Es hilft nichts - wir müssen uns öffnen. Aber in einer Weise, die uns nicht lähmt.
1. Kritik und Urteil dürfen nicht unmittelbar in unser Spiel einfließen, sonst drohen sie uns zu lähmen. Wir müssen sie positiv kanalisieren, zum Beispiel indem wir uns ein kleines Privat-Game daraus bauen. Also angenommen, ich höre als fiese, unkonstruktive Kritik: "Du bist andauernd so negativ auf der Bühne!" ("Häbäbäbä!"), dann kann ich für mich bei der nächsten Show ein Spiel daraus machen, das da heißt, ich versuche, stets positiver als mein Mitspieler zu erscheinen.
2. Ich muss lernen, Kritik einzuordnen. Ich darf mich nicht persönlich angegriffen fühlen, egal wer die Kritik äußert. Ich muss mich fragen, wie ernst nehme ich die Kritik. Ein laienhafter Zuschauer weiß vielleicht nur, dass ihm eine Szene nicht gefallen hat, kann aber nicht genau formulieren warum (Meist heißt es dann "Die Geschichte war langweilig"). Mach dich nicht abhängig von Lob und Kritik des Publikums - man wird davon nur größenwahnsinnig oder bekommt Minderwertigkeitskomplexe. Aber höre genau zu, was deine Mitspieler dir zu sagen haben. Und was sagt dein Mentor? Was sagen Improkollegen im Publikum?
Und das alles gilt natürlich auch für die nicht-improvisierten Künste. Lies Rezensionen nur, wenn du weißt, dass du auch mit Verrissen gut leben kannst.

2. Juni 2010

Entscheidung des Helden

Dem inneren Konflikt des Helden folgt eine Entscheidung.
Diese Entscheidung des Helden muss ihn etwas kosten. Das könnte klassischerweise die kindliche Unschuld sein. Oder auch eine Freundschaft, der beurfliche Erfolg usw. Denn eine Entscheidung ist letztlich auch immer eine Entscheidung gegen etwas.