Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

17. Mai 2010

Impro und Verhaltenstherapie

Ich vermute, dass es eine Verwandschaft gibt zwischen der Praxis der Improtheater-Workshops und der Verhaltenstherapie: Als Teilnehmer eines Anfänger-Workshops fängt man sehr niedrigschwellig mit einfachen kinderspielartigen Übungen an und verliert so die Hemmungen sowie die Angst vor dem Unbekannten, die Angst vor dem Beurteilt-Werden. Wir fragen als Lehrer erst gar nicht, wo diese Angst herkommen mag, wie es vielleicht die Tiefenpsychologe tun würde, sondern wir tun so, als hättest du diese Angst nicht, und vertrauen darauf, dass du sie daraufhin verlierst.
Fake it til you make it.
Sicherlich hat jeder andere Formen von Hemmnissen zu überwinden, aber ich habe bisher noch niemanden erlebt, bei dem diese Methode noch nicht funktioniert hat.

Kommentare:

  1. Sicherlich ein richtiger Gedanke. Die Alternative, "Flooding" genannt, ist allerdings nachhaltiger. Dabei wird man massiert mit dem gefürchteten Reiz konfrontiert solange bis die Angst nachlässt. Die Gefahr ist natürlich größer, da wir ja im Impro keine erfahrenen Therapeuten zur Stabiliserung der Anfänger haben. Trotzdem gibt es einen Punkt, an dem man über diese Schwelle geht, ich denke da an Übungen wie Evil Voice oder Bühnenpräsenz-Übungen, wo man alleine auf der Bühne steht ohne etwas zu sagen.

    Impro hat aber auch viel von Tiefenpsychologie. Die spannendsten Konflikte sind doch die inneren Konflikte der Figuren. Die ignoriert die VT aber mehr oder weniger konsequent...

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  2. Ich arbeite auch bei "schwierigen", oft angstbesetzten Übungen soft und mit Leichtigkeit. Wenn man sich den Themen spielerisch nähert, verlieren sie in der Regel schon von sich aus seine Bedrohung. Keith Johnstone etwa unterrichtet oft paradox: Wie lernen wir, nicht zu blockieren? Indem wir "Beide blockieren" spielen. Ähnlich unterrichte ich auch angstbesetzte Themen wie Bühnenpräsenz: Sei absichtlich schlecht und gehemmt auf der Bühne usw.
    Flooding wird ja v.a. bei extremen Phobien und Störungen eingesetzt.

    Was du zu den inneren Konflikten schreibst, sehe ich ähnlich. Das betrifft aber eher die Figuren, nicht den Spieler und schon gar nicht den Unterricht.
    Ich werde doch im Unterricht keine Analyse anfangen, warum z.B. jemand Hoch- oder Tiefstatus bevorzugt. Das geht mich 1. nichts an, 2. werde ich dafür nicht bezahlt, 3. könnte ich falsch liegen.
    Was ich aber tun kann: Dem Impro-Schüler ein spielerisches Verhältnis zu Statusverhalten zu vermitteln.

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  3. Natürlich ist es nicht unsere Aufgabe und liegt auch gar nicht in unserem Kompetenzbereich, etwas zu analysieren, therapieren oder sonstwas. Dennoch zeigt sich natürlich im Spiel viel von der Persönlichkeit, gerade beim von dir genannten Status. Und es wird ja durchaus Spielern empfohlen, die "Komfortzone" zu verlassen, also auch mal den anderen Status zu spielen, etc.. Wichtig sind glaube ich immer, die Erlaubnis zu scheitern und die Freiwilligkeit einer jeden Übung.

    Ich habe gerade angefangen, meine Diplomarbeit in Psychologie zum Thema Persönlichkeit von Improspielern zu schreiben. In gewisser Weise glaube ich schon, dass man Impro auch als Soziales Kompetenztraining und in vielerlei anderer Hinsicht Persönlichkeitsentwicklung betrachten kann. Da fällt mir schon auf, dass viele Techniken therapeutischen ähneln: "Paradoxe Interventionen" kennt man ja auch in der systemischen Therapie, wenn man z.B. einem Pat. mit gestörtem Schlaf empfiehlt, aktiv zu versuchen wach zu bleiben...

    Natürlich kann ich begrenzt viel erforschen, falls du da noch Ideen hast, freue ich mich immer! Es wird ein querschnittliches Design, also vergleich improspieler-"normalpopulation" mit Online-Fragebogen werden.

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  4. Das ist sehr interessant. Ich frage mich auch oft, wie sehr Improspieler ihre Impro-Haltungen in den Altag rübernehmen können. Ein schönes Buch zu diesem Thema gibt es von Patricia Ryan Madson. Meine Beobachtung: Die meisten behaupten natürlich, offener zu sein, sozial kompetenter, etc., aber das Selbstbild weicht von der Realität doch oft auch ab. Beispiel: Ich fuhr gestern per Fahrrad zum Impro-Unterricht. Bei diesem Workshop versuchte ich vor allem, mit den Schülern Achtsamkeit zu üben. Auf dem Weg zum Unterricht platzte der Reifen des Rades. Hektisch rief ich ein Taxi, um nur ja pünktlich zu sein. Auf der Rückfahrt hatte ich tatsächlich vergessen, wo ich das Rad abgestellt hatte. Ich selber war also ganz und gar nicht achtsam gewesen.

    Spielst du selbst Impro? Wenn ja, wo?

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  5. Klar spiele ich selbst, sonst käme ich ja nicht auf sone abgefahrene Idee. In Mainz, bei Musenkuss nach Ladenschluss.

    Interessant wäre natürlich, Leute vorm ersten Improtraining zu untersuchen und nach einigen Monaten, Jahren etc. dieselben Leute wieder. Das nennt man in der Psychologie prä-post-design und ist die einzige Möglichkeit, relativ sichere kausalzusammenhänge zu untersuchen. Wenn ich mit meinem design rausfinde, dass improspieler z.b. extravertierter sind, dann kann das ja tatsächlich daran liegen, dass von vorneherein extravertiertere leute mit impro anfangen...

    vielleicht sollte ich mir das buch von patricia ryan madson vornehmen. Meinst du es taugt zur theoriebildung, also ist es in irgendeiner weise "wissenschaftlich"?

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