Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

28. Dezember 2009

Die Kraft der Grenzen - Shyamalans "The Village"

Dass in Shyamalans "The Village" die Farbe Rot verboten ist, gilt ja nicht nur für die Dorfbewohner, sondern für Shyamalan selbst: Ein Farbfilm, der mit wenigen Ausnahmen ohne die Farbe Rot auskommt.

22. Dezember 2009

Heroes

That's all you need to be: Take action (when everybody else is passive) on behalf of somebody else (instead of yourself).
Phil Zimbardo on heroes.

Formale Kreativität

Interessant wird Improtheater, wenn wir nicht nur inhaltlich kreativ werden oder die Tücken eines Games beherrschen, sondern wenn wir formal kreativ werden. Das heißt, wir entwickeln aus dem Spiel heraus das Spiel. So wie etwa ein Filmregisseur die angemessene Kameraperspektive sucht, ein Roman-Autor die Erzählperspektive wechselt, ein Architekt das Gebäude in die Landschaft angemessen einfügt, so sind auch wir als Improspieler gefordert, auf Timing, Abstraktionen, Erzählperspektiven, Raumnutzung, Lücken usw. zu achten.
Ein kleines Game braucht dies vielleicht weniger als eine längere narrative Form; denn ein gutes Game ist an sich schon formal ausstrukturiert. Längere, freie Formen erfordern geradezu einen frischen Fokus auf das Wie.

20. Dezember 2009

Glück + Musik

Mit Stefanie Winny und Matthias Fluhrer improvisiere ich nun schon seit Mai 2001. Was für ein Glück!
Das Schicksal wollte es offenbar auch, dass hier drei musikalisch talentierte Spieler zusammenkamen. Und auf unserem Weg sind wir immer wieder auf großartige Improvisationsmusiker gestoßen: Harry Hawaii, der uns in unserer Lehrzeit auf den Trichter brachte, überhaupt Musik in die Theaterimpro einzubeziehen. Christopher Noodt (heute bei den Ohrbooten), unser erster Pianist bei Paula P., der vom ersten Moment an ein untrügliches Gespür für Szenen, Songs und Schwung hatte. Andrés Atala Quezada, der wohl als Kind in den Musikbottich gefallen sein muss und der uns außerordentlich komplex zu begleiten weiß. Camilla Elisabeth Bergmann, unsere Bühnenkollegin bei Paula P. und Die Bö, die uns immer wieder dazu ermunterte, unser musikalisches Repertoire zu erweitern und zu verfeinern. RicoLoop, der mit einer Armada von Instrumenten und natürlich seiner berühmten Loopstation anrückte und den Szenen eine neue Wildheit verlieh. Fee Stracke, die eine sehr spezielle, einfühlsame und phantasievolle Art entwickelt hat, Szenen zu begleiten.
Danke allen!

19. Dezember 2009

Nahe und ferne Assoziationen

"Auch konventionelle Assoziationen reißen uns nicht vom Hocker - auch wenn Keith Johnstone immer wieder predigt, man solle das Offensichtliche wählen. Wenn jemand beispielsweise auf das Stichwort 'Werkzeug' antwortet 'Hammer', werden wir (...) das Interesse verlieren. Wenn jemand dagegen 'Schwingschleifer' sagt, merken wir auf, wundern uns und gewinnen Interesse an der Figur. (...) Ab einer gewissen Distanz vom Riezwort werden wir eine Assoziation als 'verrückt' ansehen. Beispielswiese ist zwischen 'Werkzeug' und 'Bratwurst' kein Zusammenhang erkennbar. Die Assoziation ist damit 'verrückt' und damit bedeutungslos." (Gunter Lösel: Theater ohne Absicht)
Dabei geht es natürlich nicht allein um freies Assoziieren, sondern darum, Szenen, Figuren usw. assoziativ weiterzuführen. Ich behaupte, je konkreter wir die Dinge erfassen, umso interessanter werden sie. Johnstone fordert natürlich "das Offensichtliche", um zu verhindern, das vor allem Anfänger im Zwang, originell sei zu müssen steckenbleiben.
Sich aus der eigenen Erfahrung zu bedienen, um in Lösels Bild zu bleiben (sich den eigenen Werkzeugkoffer vorzustellen) macht die Szene plastischer als das billigste Klischee zu bedienen.
Frei zu spielen, heißt nicht doof zu bleiben.
Auf der anderen Seite lauert natürlich das 'Verrückte', das man natürlich als Zuschauer in gewissem Maße noch erträgt, und zwar dann, wenn es nicht völlig beliebig wird, sondern sich aus dem Kontext heraus entwickelt. (Denken wir an McGyver oder Egon Olsen, denen vom kaputten Luftballon bis zur Büroklammer alles als Werkzeug diente.)

17. Dezember 2009

Fluss nach Csikszentmihály

Csikszentmihály kennzeichnet "Flow" folgendermaßen:
- Klare Ziele
- Fokus - ein hoher Grad von Konzentration auf ein begrenztes Feld der Aufmerksamkeit
- Verschwindende Selbstkontrolle und die Verschmelzung von Handeln und Achtsamkeit
- Verändertes Zeitgefühl, sowie direktes und unmittelbares Feedback, so dass Erfolg und Fehler irrelevant werden, da sie sofort eingearbeitet werden und das Handeln angepasst wird
- Gleichgewicht von Fähigkeitsniveau und Herausforderung, d.h. die Aktivität ist weder zu leicht nocht zu schwer
- Die Aktivität ist belohnt aus sich selbst
- Ein Gefühl von permanenter Kontrolle über die Situation
(zit. nach Zimbardo/Boyd: "The Time Paradox")
Beim ersten und beim letzten Punkt bin ich skeptisch (möglicherweise hab ich ihn auch nicht richtig verstanden): Im Zustand des Flow gebe ich ja zu einem großen Teil die Kontrolle über die Situation ab, d.h. ich mache mich zum Instrument der Situation, was vor allem in der Partner-Improvisation deutlich wird: Ich gehe auf die Angebote der Mitspieler ein, ohne sie steuern zu wollen, was uns an Ziele führen kann, die wir im Moment des Handelns gar nicht kennen. Es geht also eher um ein Aufgeben von Kontrolle.

10. Dezember 2009

Die Kunst des Interviews

Prominente haben ein öffentliches und ein privates Ich. Über das öffentliche Ich zu sprechen, ist langweilig - sowohl für den Interviewten als auch für die Hörer.
Die Kunst des Interviewens, so Marc Pachter, bestehe darin, dem Interviewten zu helfen, das zu sagen, was er eigentlich sagen will. Je prominenter eine Person ist, umso schwieriger wird es, ihr aus dem Kokon zu helfen, den sie sich im Laufe der Jahre zugelegt hat.
Entscheidend sei gar nicht so sehr intellektuelle Brillanz, sondern Lebensenergie.
"Everybody in their lives is really waiting for people who ask the questions so that they can be truthful about who they are and how they became what they are. And I commend that to you, even if you're not doing interviews. Just be that way with your friends, and particularly with the older members of your family."

9. Dezember 2009

Zeitgefühl

Spannende neue Lektüre von Zimbardo & Boyd:
"Improvisers require a fine sense of timing and the ability to make something new happen on the spot. Naturally, these performers bring to each session the knowledge of what others have done in the past in order to know what not to repeat as well as what to build upon, extend and enhance. But being able to use the past as a scaffold and not a blueprint marks the creative performer as one who can improvise in ways that go beyond the past into new realms. For comedians, it means allowing themselves to be totally open to the mood and reactions of the audience, and for jazz musicians, to be totally open to their feelings and 'online' mental process."
(Philip Zimbardo & John Boyd: "The Time Paradox. The New Psychology of Time That Will Change Your Life")

7. Dezember 2009

Kontakt

Immer und immer wieder Kontakt zwischen den Mitspielern üben: Einfaches Kopieren von Handlungen, Status. Immer wieder auch gut: Spiegel-Übungen.
Aber in den Szenen werden Kopien langweilig. Also Figuren entzerren, und dennoch in Kontakt bleiben. Nimm wahr, was dein Mitspieler tut, auch wenn du ihn nicht gerade anschaust.
Augenkontakt ist ein spezielles Problem: Durch Augenkontakt stellen wir sofort emotionalen Bezug zu unserem Mitspieler her, aber auch zur Figur unseres Mitspielers. Nach außen wirkt das ungeheuer intensiv. Wenn aber ein Paar sich in der ganzen Szene anstarrt, wirken sie in sich gekehrt und eingeschlossen. Man braucht also einen gewissen Rhythmus, des Sich-Anschauens/Nicht-Anschauens. Dafür habe ich neulich ein schönes Spiel gesehen. Immer wenn die Musik einsetzt, schauen sich die Spieler in die Augen. Wenn sie aufhört, schauen sie wieder weg.

5. Dezember 2009

Vor der Show: Freunde, die man lange nicht gesehen hat, im Publikum. Schüler, die vor der Show noch was wissen wollen. Technik, die nicht richtig funktioniert. Ein neues Format. Ein neuer Mitspieler. Stress vom Nachmittag im Hinterkopf.
Dann kommen während der ersten Hälfte Zuschauer zu spät. Die Eingangstür geht wegen des Weihnachtsmarkts auf dem Hof ständig auf und zu. In der ersten Reihe ein Witzig-witzig-Zuschauer. Die extra aufgebaute Kamera fällt aus, und ein Zuschauer versucht, sie zu "reparieren". Vorschlag für die erste Szene: Zyankali. Alles für sich genommen, keine echten Probleme für einen lockeren Impro-Spieler. Alles zusammen dann aber schon eine Herausforderung. Da genügt die Selbstsicherheit des Teams unter Umständen nicht. Man kann es Eingrooven nennen, Meditieren, Warm Up, Abspacken oder Einfoxen: Wenn der ganze Abend frei improvisiert ist, braucht man sowohl Freiheit als auch Fokus. Darauf muss man sich einstimmen. Man nehme sich die Zeit.

(Dafür war die zweite Hälfte hinreißend.)