Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

27. November 2009

Entfesselung

Anfängern, die in einfache Übungen und Warm-Ups einfach "nicht reinkommen", etwas bei Tag Outs oder Zip-Zoom oder "Ich bin ein...", kann manchmal recht einfach geholfen werden, indem man sie entfesselt. Wieder kann man vom Basketball lernen: Beine leicht gebeugt statt steif. Oberkörper leicht nach vorn statt nach hinten gebeugt. Arme nicht verschränken.
Wer sich auf diese Weise körperlich öffnet, geht auch leichter in die Szenen.

24. November 2009

Erzählperspektive

Selten im Fokus: Die Erzählperspektive in narrativen Formaten. Wenn es einen Erzähler gibt, bricht die Form, wenn wir Dinge zeigen, die er nicht sehen oder erlebt haben kann.
Dem Suspense tut es auch gut, wenn aus der Erlebnisperspektive gespielt wird. Im Horror ohnehin: Es geht um den Erschreckten, nicht um den Erschrecker. Um das Opfer, nicht um das Monster.

16. November 2009

Das Lesen ersetzt nicht die Erfahrung

"Wir können sämtliche Sutra lesen und doch nicht lesen, was darin steht. (...) Es sind nicht die Texte, die das Erlebnis erschließen, sondern es ist das Erlebnis, das uns die Texte erschließt." (Brigitte D'Ortschy im Teshin zum 2. Koan aus "Die blaugrüne Felswand")
Ohne die wiederholte Impro-Erfahrung, einschließ der Enttäuschungen, bleibt die Lektüre und die gedankliche Reflexion hohl. Ohne gedankliche Reflexion bleibt die Improerfahrung flach.

9. November 2009

Theorie immer mal wieder wegwerfen

"In dem halben Jahr, wo ich mein Comeback vorbereite, wirst du in eine Band gehen! Nimm dir irgendwelche Titel vor! Egal was! Spiel die Sachen in möglichst verschiedenen Anschlagstechniken. Vergiss alle Theorie und höre einfach nur hin. Das ist der ganze Trick (...) Wir müssen unsere Instrumente erst entdecken." (Ralf Petry in einem Brief an mich 19.3.1987)

8. November 2009

Johnstonismen

Wie jede Lehre kann natürlich auch Johnstone - ins Extrem getrieben - kippen.
- Den Trash zulassen, um in den Spielfluss zu kommen und den inneren Zensor auszuschalten, schließt ja nicht aus, sich auch ab und zu über Qualität und Verfeinerungen Gedanken zu machen.
- Mit dem Publikum zu flirten kann irgendwann schmierig werden, wenn man nur noch Tongue-in-Cheek spielt.
- Status ist eine sehr gute Technik, aber nicht die einzige.
- Theatersport...

6. November 2009

Lampenfieber

Ich habe nie geglaubt, dass man "ein bisschen Lampenfieber braucht", um gut zu spielen
Nun pflichten mir die Mediziner und Psychologen bei: Die Angst vor dem Urteil anderer (und das genau ist ja das Lampenfieber) belastet das Immunsystem und die Leistungsfähigkeit.
http://www3.interscience.wiley.com/journal/122596990/abstract?CRETRY=1&SRETRY=0
Oder die deutsche Zusammenfassung bei Gehirn und Geist:
http://www.wissenschaft-online.de/artikel/1012629

5. November 2009

Der Seewolf 2009 - ein Grauen

Nur nicht ärgern, sondern lernen: Das Remake des ZDF-Seewolf übrertrifft alle Befürchtungen.

Die Schauspieler
Sie geben sich sicherlich Mühe, aber das genügt eben nicht.
Der Darsteller des Leach, Tobias Schenke, würde als Nebendarsteller in GZSZ wahrscheinlich nicht weiter auffallen, hier aber wirkt er wie ein verwöhnter, spätpubertierender Student, der gegen Papi aufbegehrt.
Neve Campbell begnügt sich mit Hübschaussehen. Sollen wir ihr wirklich die Dichterin des 19. Jahrhunderts abkaufen? Die ganze Mimik ist inzwischen unecht und hollywoodverdorben.
Sebastian Koch hat stellenweise sogar gute Momente, ein paar subtile Blicke, aber am Ende ist er doch ein polternder Bolzen ohne Charme und ohne Intelligenz. Ich galube ihm einfach nicht, dass er ein Navigationsgerät gebaut hat, weil er es sich selbst nicht glaubt.
Stephen Campbell Moore schmalzt den Humphrey runter ohne Stil. Nichts glaube ich ihm - nicht die Angst, nicht die Wut, nicht den verletzten Stolz.
Dass Julian Richings wie eine Karikatur des Koches Murgridge wirkt, könnte man fast noch durchgehen lassen; denn London beschreibt ihn schon fast komisch. Aber hier stolpert er durch die Szene wie ein Clown. Die karierten Hosen muss er in sich von Ostap Bender besorgt haben.
Tim Roth als Death Larsen ist wahrscheinlich die einzig gute Besetzung, außer eben, dass man ihn eigentlich nicht braucht, denn sowohl im Buch als auch in der berühmten 1971er Verfilmung bleibt der tumbe Bruder wie der Schatten des Antagonisten im Hntergrund. Und das ist auch sinnvoll, denn wir erfahren die Handlung konsequent aus der Perspektive Humphrey Van Weydens, womit wir beim nächsten Punkt wären:

Das Drehbuch:
Es gibt überhaupt keine Erzählhaltung. Die Perspektive Van Weydens verschwindet. Stattdessen blenden wir mal hierhin mal dort. Das Schicksal von Leach und Johnson erscheint ja gerade deshalb als bedrohlich, weil wir nicht wissen können, sondern nur ahnen, was mit den beiden geschieht. Wir sehen die Anfälle von Death Larsen, wenn er allein ist, wir sehen die Mannschaft ohne Van Weyden. Und wir sehen immer wieder Death Larsen. Die Brutalität der beiden, und das ist der Gipfel der Billigkeit, wird küchenpsychologisch durch ein Kindheitstrauma erklärt: Prügelnder Vater, behinderter Bruder. "Und schließlich zeigte es sich ja auch dann:/Am End war der Tyrann gar kein Tyrann!" (Brecht)
Der philosophische Streit und die Not Van Weydens, seine Moral nicht begründen zu können, all das verflacht oder entfällt sogar.
Maud und Humphrey kennen sich nicht nur als Dichterin und Kritiker, sondern waren auch noch verliebt. Obendrein ist ihr Vater auch noch der Besitzer von Death Larsens Schiff. Komplett überfrachtet und überverknüpft. Nichts soll unserem Denken überlassen werden, alles muss erklärt werden.
Aber selbst in den Perspektivwechseln erleben wir nie die Perspektive der Figuren, so dass die Regie immer mehr Gewaltszenen einbauen muss, um wenigstens durch einen Haufen Action die Zuschauer bei der Stange zu halten.

Synchronisation
Die deutschen Schauspieler sprechen fad (Koch) oder hausbacken (Schenke). Die synchronisierten Stimmen hingegen reden wie sie es wohl auf der Synchronschule lernen. Der Ton ist so falsch, dass es schmerzt, zuzuhören. Irgendwann will man nur noch den Ton abdrehen.

Musik:
Habe ich schon erwähnt, dass man irgendwann nur noch den Ton abdrehen will ?

Regie:
Unmotivierte Kamera-Einstellungen, unmotivierte Schauspielerführung, unmotivierte Action-Sequenzen, komplette Spanungslosigkeit, weil er immer alles zeigen will.

4. November 2009

Musiker

Anweisung an Klassik-Musiker, die Hemmugen haben zu improvisieren: "Spiele ein Stück von 7 Sekunden Länge." (...) "Und jetzt spiele mit der selben Achtsamkeit 20 Minuten." (Ed Sarath)

2. November 2009

Eine Handvoll kleiner Szenen-Regeln für Anfänger

  • Nenne deinen Spielpartner in der Szene nicht bei seinem tatsächlichen Namen. Für viele wirkt das irritierend.
  • Etabliere nicht ohne Not unsichtbare Figuren, wenn du eine Handvoll Mitspieler hast.
  • Benenne nicht ohne Not die Äußerlichkeiten deines Spielpartners als Features seiner Figur ("Sie da, mit dem sächsischen Akzent, haben Sie heute schon gefrühstückt?")
  • Das Einfrieren bei Tag-Outs führt zu Klischee-Handlungen, die immer wieder auftauchen. Das ist im Prinzip OK. Aber nach dem zweiten Mal sollte mann hellhörig werden und folgendes vermeiden:
    - "Herr Arzt, ich kann meinen Arm nicht bewegen."
    - "Ja, gut, bleiben Sie so stehen. Fertig ist das Foto!"
    - (auf Knien) "Wo sind denn meine Kontaklinsen?"
  • Da die Stühle oft die einzigen oder zumindest die dominanten Requisiten im Improtheater sind, sollte man vermeiden, ihr Vorhandensein andauernd zu thematisieren.
  • Sei dir klar, wo die Zuschauer dich sehen. Liegeszenen sind oft für 90% des Publikums nicht sichtbar.
  • Wenn du die Figuren deiner Mitspieler andauernd ermordest, hast du eventuell ein Problem mit Akzeptieren/Blockieren.
  • Nörgle nicht.

All diese Regeln bitte nicht allzu starr auffassen. Letztlich ist eine gute Szene denkbar, in der all das vorkommt. (Bitte in Gedanken selber durchspielen.)