Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

30. Juli 2009

100% geben, auch bei nur wenig Zuschauern

Das erste Mal habe ich es in meinem Lehrjahr 1999 verstanden. Ein heißer Sommerabend bei den Surfpoeten im Bergwerk. Kaum mehr als 20 Zuschauer. Für die Surfpoeten ein schlecht besuchter Abend. Und Ahne stand am Ende der Show am Mikrofon und sang sein Herz aus, als gäbe es diese Gelegenheit nie wieder.
Später, als ich mit Sebastian Krämer zu Gast bei einer Show von Andreas Scheffler war, protestierte Sebastian heftig, als auch nur die Möglichkeit in Erwägung gezogen wurde, die Zuschauer heimzuschicken. Er würde auch für einen einzigen Zuschauer spielen.
2003 in New York sah ich (natürlich wieder an einem unglaublich heißen Tag) ein Impro-Theater mit acht Schauspielern, die vor vier Zuschauern spielten. Es war überhaupt keine Frage, ob man auftritt.
Schlimmer noch, als in Erwägung zu ziehen, abzubrechen, empfinde ich es, wenn nur eine halbe Show gespielt wird. Wieviel Eitelkeit muss bei Künstlern bestätigt werden, die ihren Einsatz von der Publikumszahl abhängig machen?
Vor einigen Wochen im Theater U. waren wir 14 Zuschauer. Aus finanziellen Gründen bräuchten sie mindestens 15 Zuchauer. Ich schlug den anderen Wartenden vor, dass wir alle zusammenlegten für den einen Fehlenden. Und so unwahrscheinlich es im sturen Brandenburg klingt: Alle waren einverstanden. Aber die Künstler lehnten trotzdem ab.
Und nun bekomme ich Bestätigung vom ehemaligen Record-Label-Chef von Island Records, der von seinem ersten U2-Konzert berichtet: "Ich sah sie mir in einem Londoner Vorort an. Es kamen vielleicht noch vier, fünf andere Leute mit zu dem Gig, und im Publikum standen auch noch ungefähr vier oder fünf Leute - aber man hätte geschworen, dass es 40.000 waren. Die Band hatte die gleiche Energie und Leidenschaft wie heute.

27. Juli 2009

Rhetorik

Gregor Gysi:
"Es gab mal eine Magisterarbeit über meine Rhetorik. (...) De beschäftigte sich mit der Frage, warum von einer Kundgebung, auf der Gysi spricht, die Leute so gut wie nicht weggehen, selbst wenn er länger als eine Stunde spricht. Und die Magisterarbeit sagte, das hat einen Grund, der hält keine Rede, sondern er ist scheinbar mit ihnen im Gespräch. Und weil er scheinbar mit ihnen im Gespräch ist, gehen sie nicht, weil man ja nicht mitten aus einem Gespräch geht."
(...)
"Letztlich würde ich mir wünschen, dass wir die Rhetorik nicht so unterschätzen, wie das in Deutschland bisher geschehen ist, ein einziger Lehrstuhl, finde ich, ist zu wenig."

26. Juli 2009

Richard Wagner: Der Ring

Höre seit langem mal wieder "Siegfried" aus dem Ring der Nibelungen von Wagner und bin auf neue Art begeistert. Ja, ich weiß, das ist natürlich politisch alles äußerst zweifelhaft. Und die Story, naja, ich sag mal, sie zieht sich.
Aber die Musik und der Text sind schon höchst amüsant. Meine Mitstreiter stellen sich derzeit ständig Stabreimstrophen. Das alles verliert seine Bedeutung und Macht, wenn man anfängt, damit zu spielen.
Gibt es eigentlich eine Impro-Gruppe, der es schon mal befriedigend gelungen ist, eine Oper im Wagner-Stil aufzuführen? Feedback gerne hier.

22. Juli 2009

Intelligenz wirken lassen

Man lasse seine Intelligenz und sein Wissen in die Improvisation einfließen. Die Figur sollte das, was sie tut, gut beherrschen. Also statt den trottligen Zahnarzt, einen guten Zahnarzt usw. Trottligkeit ist eben auch ur für einen schnellen Lacher gut. Aber auch das eigene Wissen wirklich einbringen. Warum sollen z.B. nicht zwei Truckfahrer in eine moralphilosophische Diskussion abdriften? Viele Improspieler halten mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten hinterm Berg. Ein großartiger Spieler, den ich kannte, hielt sich lange Zeit für "zu ungebildet" (weil er der Jüngste war), bis ihm seine Teamkollegen vor Augen führten, das er am längsten von allen Theater spielte, sowohl ein abgeschlossenes Studium als auch ene Berufsausbildung hatte, einen Sportsverein leitete und diverse Instrumente spielte. Allmählich ließ er dann davon einiges in seine Bühnenfiguren einfließen, und er wurde brillant.
Als Zuschauer will man ja nicht nur oberflächlich spannendes ("Sie haben mit meiner Frau geschlafen, Herr Pfarrer"), sondern eben auch Interessantes. Man halte die Augen offen. Ein Improspieler muss eigentlich ein Hans Dampf in allen Gassen sein - kein Thema, was ihn nicht interessiert, egal ob Politik, Philoophie, Naturwissenschaft, Psychlogie usw. Man erkenne Pros und Contras und beziehe auf der Bühne Position - als Figur kann das natürlich eine andere Position sein als die eigene.

Auf der anderen Seite: Doofe Figuren zu spielen, wie Betrunkene, Kleinkinder, geistig Behinderte, demente Greise usw. ist oft auch eine Wahl der Angst. Den diese Figuren brauchen die Folgen ihres Handelns nicht zu tragen, sie sind sozusagen per se amoralisch, da sie nicht für die Folgen ihres Handelns verantwortlich sind. Das heißt wiederum nicht, dass man kein Kind und keinen Betrukenen spielen solle. Es gehört aber ein waches Auge dazu und ein Blick für die Fallstricke. Besoffene und Kinder sind in der Regel höchstens als Passenger gut.

meta-spiel

Das Team sollte sich schnell über das Meta-Spiel klar werden: Versuchen wir, eine Story zu erzählen oder bleiben wir auf einer völlig clownesken Ebene? Bei Monty Python wird man selten auf eine wirkliche Story hoffen, es geht da eher darum, immer dann draufzuschlagen, wenn man sich als Zuschauer sicher wähnt und glaubt, einen Faden gefunden zu haben. Es ist das eher närrische Spiel, das sich aus völlig freier Assoziation ergibt.
Wollen wir hingegen eine Story erzählen, dann brauchen wir die Wiedereinführung von Elementen, d.h. Symbole, Handlungsstränge und Bedeutungen, die vorher ausgelegt wurden. Das Akzeptieren und Wiederaufgreifen des einmal Etablierten wird zum entscheidenden Knackpunkt.

8. Juli 2009

Interviews

Nach dem letzten Interview, bei dem die Reporterin die Fragen ablas und stur weiterfragte, unabhängig von der Antwort, nahm ich mir eigentlich vor, beim nächsten Mal abzubrechen oder mein eigenes Spiel daraus zu machen.
Gestern nun ein eigentlich sehr sympathischer Typ, der für ein Internetradio arbeitet. Er liest stur ab, wiederholt auch, nachdem wir ihm schon zwei mal den Unterschied erklärt haben, seinen Faux Pas zu behaupten, Lesebühnen seien Poetry Slams. Dann die Höhe: Während ich antworte, dreht er sich um und redet mit seinem Kollegen.
Soll man da aufstehen und gehen? Oder großmütig sein und ihm trotz seiner 50 Jahre seine Rabaukenhaftigkeit verzeihen?

7. Juli 2009

Angebote des Impro-Lehrers

Wie ich hier schon geschrieben habe, sehe ich es als Aufgabe des Impro-Lehrers, den Schülern die Möglichkeit zu geben, sich von den Barrieren, die sie an der Freiheit des Improvisierens hindern, zu befreien. Das ist zunächst mal völlig unabhängig vom Talent. Für improvisierende Schüler liegen die Barrieren an verschiedenen Stellen: Den einen plagt die durch Perfektionismus befeuerte Angst vor der Blamage, andere öffnen sich nicht dem Akzeptieren fremder Angebote, weitere ziehen sich lieber immer wieder auf Bewährtes zurück.
Jedem Schüler möglichst viele Angebote zur Hand geben, damit er mit den für ihn passenden Spielen lernt, das sollte ein Ziel des Impro-Lehrers sein.

2. Juli 2009

Timing trainieren

Bekanntlich fließt die Zeit auf der Bühne oft etwas anders. Eine Grundübung, um ein Gefühl für Timing zu entwickeln: Alltägliche Handlungen temporalisieren. Z.B. versuchen, genau eine Minute abzuwaschen oder zu singen. Auch möglich: Auf der Bühne nach einer Szene auf die Uhr schauen, nachdem man die Dauer selber geschätzt hat. Sollte allerdings unauffällig und vom Publikum unbemerkt bleiben. Denn auf der Bühne wirkt alles ostentativ. Und also wirkt man wie jemand, der sich fragt, wie lange er denn hier noch spielen muss.
Musizieren trainiert natürlich auch.