Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

30. Juni 2009

Tiere

Tiere sind bekanntlich eine wunderbare Inspiration für Figuren.
Bei Anfängern sehe ich oft, dass sie Tiere eher cartoonhaft imitieren: Beinheben und dabei "wuff" sagen oder Rüssel andeuten und "Törö" sagen.
Zur Inspiration werden Tiere dann, wenn es uns gelingt, in ihre Haut zu schlüpfen und die Welt aus ihrer Perspektive zu betrachten. Jemand, der beispielsweise eine Katze als Inspirationsquelle nutzt, muss gar nicht auf allen Vieren rumrennen, sondern es kommt auf die innere Haltung an, die Spannung, die Eleganz, die Geschwindigkeit, der Blick auf die Welt

29. Juni 2009

Realismus

"Die Realität ist auf deiner Seite, sei du auf ihrer! Lass das Leben sprechen! Vergewaltige es nicht! Wisse, dass es die Bürgerlichen nicht sprechen lassen! Du aber darfst es. Du musst es. Such dir die Punkte, wo die Realität weggelogen, weggeschoben, weggeschminkt wird. Kratze die Schminke an!"
(Brecht an Grete Steffin 1935 über deren Stückentwurf "Wenn er einen Engel hätte")

28. Juni 2009

Kurz-Pantomine

Kleine 1-Minuten-Solo-Impro am Freitag

Mozarts Dur-Kompositionen

In seltsamer Einhelligkeit wird von Musikwissenschaftlern und -liebhabern auf Mozarts Moll-Kompositionen verwiesen, die ein Beleg für seinen persönlichen Schmerz seien und angeblich beweisen, dass er ein ernstzunehmender Komponist sei. Bestes Beispiel: Die "kleine" g-moll-Sonfonie, die er im Alter von nur 17 Jahren geschrieben hat. Diese Sinfonie ist tatsächlich unglaublich, aber soll denn tatsächlich, alles, was er vorher geschrieben hat, Pillepalle gewesen sein, nur weil es eben heiter ist?
Es erinnert mich an die endlose Diskussion von Komödie und Improtheater.

27. Juni 2009

Vorschläge aus welchen Reihen

Man sollte ruhig Vorschläge aus verschiedenen Zuschauerreihen fragen.Naheliegend ist natürlich die erste Reihe. Problematisch, vor allem in größeren Sälen, dass diese Vorschläge nur von den Spielern auf der Bühne verstanden werden, nicht aber von den anderen Zuschauern.
Aus den hinteren Reihen kommen eher mal "freche" oder versaute Vorschläge.
Der Versuchung, immer dieselbe Besuchergruppe zu fragen (auch wenn sie sehr dominant ist), sollte man widerstehen.

25. Juni 2009

Gegenwart und Hedonismus

Unsere Persönlichkeit ist also geprägt von unserem Verhältnis zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Unser Handeln wird davon beeinflusst, auf welche dieser Zeiten wir fokussieren und in welcher Weise.
Vergangenheit - positiv oder negativ
Gegenwart - hedonistisch oder fatalistisch
Zukunft - lebenszielorientiert oder transzendentalistisch (auf ein Leben nach dem Tod)
Der ideale Persönlichkeitstyp, der gelernt hat, den zeitlichen Fokus flexibel zu halten und die anderen Aspekte zunächst zurückzustellen, ist also folgendermaßen strukturiert:
Vergangenheit positiv - hoch. (Verwurzelt uns)
Gegenwartshedonismus - gemäßigt (Verleiht uns Energie.)
Zukunft - leicht erhöht (verleiht uns Flügel)
Vergangenheit negativ - niedrig
Gegenwartsfatalismus - niedrig

In der Regel werden wir durch eine Perspektive dominiert. Improvisation trainiert den Gegenwarts-Muskel.
Aber können wir ihn auch übertrainiern, so dass wir zu süchtigen Hedonismus-Idioten werden?

24. Juni 2009

Noch einmal Vorschläge

Wieder einmal bin ich hin und hergerissen, was das Verwenden von Vorschlägen betrifft. Gestern als Zuschauer bei einer Show, und als sei ich das erste Mal in einer Impro-Show freue ich mich, wenn mein Vorschlag genommen wird, und ärgere mich, wenn mein Zettel nicht gezogen wird. Dieses Gefühl sollte man sich eben doch vor Augen führen, wenn man Vorschläge ablehnt.
Aber was, wenn wie am vergangenen Freitag hintereinander die Vorschläge (gesucht waren Genrevorschläge, die die Zuschauer auf Zettel schreiben sollten) "Kasperletheater", "Splatter mit viel Blut" und "Porno" lauten? Da zweifelt man dann doch schon am Publikum. Oder man hat einfach noch nicht genug Stammpublikum, das sozusagen einen intelligenten Mainstream bildet.
Solange hilft nur: Entweder doch noch etwas Gutes draus machen oder es kurz halten oder im absoluten Notfall freundlich ablehnen.

17. Juni 2009

Spezifisch Objekte etablieren

Man lasse sich Ruhe beim pantomimischen Etablieren von Gegenständen und der Umgebung. Der pantomimische Effekt ist umso größer, je spezifischer wir sind. Und der Vorteil: Es ist auch noch leichter für uns selbst. Angenommen, ich improvisiere eine Figur, die an einem Schreibtisch sitzt, so ist es für mich selbst am leichtesten, ich imaginiere den eigenen Schreibtisch, den ich ja am besten kenne. Das wird mich davon abhalten, grob und plakativ zu werden. Und ich werde keine Details vergessen. Auch wenn ich hier im im Grunde Alltag reproduziere, ist das für den Zuschauer interessanterweise spannender als die Darstellung eines vorgestellten 08/15-Schreibtisches.
Dasselbe gilt auch für kuriose Orte, die nur wenige von uns aus eigener Anschauung kennen, sagen wir die Zentrale für Lebensmittelkontrolle oder ein AKW. Vieles auf der Welt funktioniert ähnlich und simpel. Ich imaginiere mir die Räume so konkret wie möglich vor. Natürlich hat man selten einen gesamten Raum mit allen Details sofort vor Augen, aber je bunter ich ihn mir ausmale, umso spezifischer kann ich spielen.
Für Handlungen gilt das sowieso: Wie oft habe ich gesehen, wie Improspieler einfach ihre Finger flattern ließen, wenn sie mimten, am Computer oder an der Schreibmaschine einen Text zu schreiben. (Dasselbe für Klavierspielen usw.) Schreib einen konkreten Text.

15. Juni 2009

Beurteilung von Kunst

"Ich glaube, es gibt Elemente, die weitgehend für jede bedeutende Kunst gelten. Ganz gleich, ob es sich um Bildnde Kunst, Literatur oder Darstellende Kunst handelt, beinhalzen diese Elemente eine Ordnung, eine Integriität der Form in einem bestimten inneren Zusammenhang, den Anspruch auf Originalität, ein hohes Maß an Geschick in der Ausführung, Überzeugung und Inspiration von seiten des Künstlers samt der unausgesprochenen Empfindung, dass das Kunstwerk auf eine Realität hinweist, die über es selbst hinausweist." (Jo Salas: "Was ist gutes Playbacktheater?" in Fox/Dauber (Hg.): "Playbacktheater - wo Geschichten sich begegnen")

11. Juni 2009

Rumspinnen

Was mir manchmal fehlt, bei allem Proben, Auftreten usw., ist ein freies Rumspinnen, ein ungezieltes Ausprobieren von momentanen Ideen. Freilich ist es nicht so einfach, diese Freiheit zu erreichen, da man natürlich auch hier die Kraft einer formalen Grenze braucht, einen Fokus.
Schön und brauchbar empfand ich die Vorgabe beim Jammen mit Stephen Nachmanovitch: Wir stellen uns vor, am Rand der 360° gedachten Bühne sitzen Blinde und Gehörlose. Wir spielen eine 10minütige Performance, die für alle Zuschauer und Zuhörer interessant ist.

4. Juni 2009

Nach der verlorenen Angst

Ich habe hier schon mehrfach beschrieben, wie sich Angst, je nach Persönlichkeitstyp und je nach Trainingsstand verschiedene Kanäle sucht: Blockieren, Negativ sein, Kneifen, Szene dominieren, Blödeln, Szenen verlachen usw. (Schön auch noch mal bei Johnstone nachzulesen.)

Soll das aber heißen, wenn die Angst überwunden ist, wäre alles in Butter? Seltsam, dass man manchmal Profi-Shows sieht, die einen irgendwie langweilen, obwohl alles ordentlich abgespult wird.
Ich glaube, dass einigen Spielern irgendwann der Wille ausgeht, sich auf der Bühne auszudrücken, wirklich etwas Substanzielles einzubringen, als nur stur nach Lehrbuch zu akzeptieren, Storys fortzuführen usw.
Der Wille zur Kunst und zur Kreativität (und sei es auch Klamauk) ist schon notwendig, um den Funken überspringen zu lassen.