Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

27. Mai 2009

Storytelling Plot oder Nicht-Plot

Über Jim Jarmuschs Filme:
"Man kriegt diese Filme nicht zu fassen, indem man ihre Handlung nacherzählt. Was etwa weiß man über Down by Law, wenn man erfährt, dies sei ein Film über drei Männer, die aus unterschiedlichen Gründen im Knast landen, zusammen ausbrechen, abhauen und sich schließlich wieder trennen? Zumal, wenn man bedenkt, dass der dramatischste Teil dieser Zusammenfassung - der Ausbruch - nicht einmal gezeigt wird."
Die Episoden sind einfach gestrickt. Die Dialoge hervorragend. Die Schauspieler genial. Das Spiel dieses Filmes ist über die Handlung gar nicht zu begreifen: Zwei rauhe Typen landen im Knast - beiden unschuldig und nerven sich die ganze Zeit gegenseitig. Ausgerechnet der kindliche Italiener hat jemanden umgebracht. Er ist es auch, der den Ausbruch plant. Sein Englisch ist haarsträubend, sein Lieblingsdichter ist Walt Whitman, den er natürlich nur auf Italienisch kennt. Verzweifelt schreibt er jede neue Vokabel in ein Notizbuch. Und gerade er, mit dem jede Kommunikation zu scheitern droht, schafft es, die anderen beiden zur Verständigung zu bewegen.
Der Handlungs-Plot ist nebensächlich. Entwicklung findet woanders statt.


25. Mai 2009

Kreativitätsimpulse

Als Künstler ist man verleitet, sich neue Impulse vor allem im eigenen Bereich zu suchen, was ja auch notwendig ist. Der Musiker möge Musik hören, der Theaterautor Stücke fremder Autoren sehen, der Architekt beachte Gebäude anderer Kollegen und Kulturen.
Aber wir brauchen als Künstler genauso die Impulse aus anderen Bereichen. Als Schauspieler sollte ich mich auch mit Malerei befassen. Als Autor mit Musik. Als Bildhauer auch mit Lyrik. All dies beeinflusst nämlich auf unerwartete Weise das eigene Schaffen.
Aber es geht nicht allein um die Kunst. Wir brauchen auch Einflüsse von völlig anderen Systemen - der Politik, der Wissenschaft, der Erziehung, der Wirtschaft usw.
Damit meine ich nicht, dass die Kunst sich zum Vehikel der anderen Systeme machen sollte, etwa "politische Kunst", "Kunst für die Wirtschaft" usw., sondern dass der Künstler nicht die Augen vor fremden Themen verschließt. All zu oft wird das einfach abgetan als irrelevant oder als etwas, von dem man nichts verstehe. Man kann das alles ruhig egoistisch sehen: Als Künstler kan man von allem profitieren, und je breiter das Blickfeld, umso besser. Aber am Ende nützt der wissende Künstler der Kunst. Ein doofer schadet ihr.

22. Mai 2009

Berichten Sie Ihr traumatischstes Erlebnis

Um an "Wahrheiten" heranzukommen, werden Schauspielschüler aufgefordert, sich auf einen Stuhl zu setzen und ihr traumatischstes Erlebnis zu berichten.
John Wright berichtet in "Why is that so funny", wie eine Schülerin ihm gestand, dass ihre Mitschüler ihr Komplimente für die emotional aufwühlende Geschichte vom Tod ihrer Mutter gaben. In Wirklichkeit aber lebt die Mutter bei bester Gesundheit.
John Wright meint nun, die Übung sei eigentlich sehr gut, nur werde sie durch die übermäßige Betonung von Wahrheit missbraucht. Als ob sich "Wahrheit" nur im Tragischen fände.
Die Aristotelische Trennung von Komödie und Tragödie lässt sich ja bis heute nachzeichnen, und zwar vor allem in der Geringschätzung der Komödie.
Die improvisierten Dialoge zu Beginn der Chaussee der Enthusiasten basieren eigentlich grundsätzlich auf Wahrem, auf Erlebtem. Und zwar ohne, dass wir uns mal darauf geeinigt hätten. Aber diese Dialoge haben natürlich grundsätzlich einen komischen Dreh. Es wäre völlig unpassend, wenn an der Stelle, einer von uns in Tränen ausbräche. Sicherlich - es geht hier weniger um Schauspiel, aber doch immerhin um eine Bühnenperformance.

21. Mai 2009

"Nur im Moment"

Der von mir sonst so geschätzte Jazz-Musiker N. meinte, er interessiere sich überhaupt nicht für das, was gerade vor ein paar Sekunden oder gar Minuten gespielt worden sei, es gehe ihm nur um den Moment.
Ich konnte ihm nicht zustimmen. Gute Improvisation, ob in der Musik, im Theater oder im Storytelling, bezieht sich immer auch darauf, was vorher geschah. Nur so können z.B. Muster, Linien, Bögen entstehen.
Ich kann also im Moment agieren, aber ebenso das Gesamtbild im Auge behalten.
Genaugenommen ist "der Moment" ohnehin eine Fiktion, eine Unzeit.
Das Bild des Rückwärtsgehens, das Randy Dixon benutzt hat, fand ich sehr treffend. Wir sind achtsam im Moment des Gehens, aber wir sehen gleichzeitig alles, was wir bereits hinter uns gelassen haben.

20. Mai 2009

Schauplätze

Gruppenübung. Kurze Szenen an "gewöhnlichen", aber in Shows selten vorkommenden Orten.
  • Im Lagerkeller einer Kneipe.
  • Im Kaffeepausenraum der Bahn-Angestellten.
  • Wenn schon auf dem immer wieder genannten Eiffelturm, dann doch bitte mal im Winter.
  • Im Geräteschuppen.
  • Im U-Bahn-Schacht.
  • Im Treppenhaus eines Studenten-Wohnhauses.
Gute Filme schauen lohnt sich auch hier. Oder beim Training den Mitspielern entsprechende Vorschläge geben. Auf der Bühne: spezifisch denken statt allgemein. Also nicht das 08/15-Café, sondern das konkrete.

Die Weisheit weitergeben

Ich erinnere mich nicht mehr, wo ich diese Legende gelesen habe.
Es ging um einen großen Zen-Gelehrten, der als einer der Weisen galt. Und doch verwehrte man ihm den Titel des Meisters, da er nichts aufgeschrieben hatte.
Die Weisheit geht verloren.
Und auch Laotse, dem Begründer des Taoismus, musste ein Zöllner "seine Weisheit erst entreißen", wie Brecht es formulierte.
Das Lehren fordert uns auf eine besondere Weise zur Reflexion und zur Kommunikation. Wir sind gefordert, das Gelernte produktiv zu erneuern.

13. Mai 2009

Foxy Freestyle & The Crumbs vor 1 Jahr

Ich mag's immer noch


Die Kunst des Hörens

Ein Vortrag von Evelyn Glennie, der "gehörlosen" Perkussionistin, über die Fähigkeit des Hörens in der Kunst.

12. Mai 2009

Der Beat

Wann editiert (vulgo: abklatscht) man den Mitspieler? Auf den nächsten Beat. Wann ist der nächste Beat? An der nächsten unpassenden Stelle. Nach der Frage, aber vor der Antwort. Nachdem der Mörder das Messer erhoben hat, aber bevor er zusticht. Nachdem der Ehemann seine Frau inflagrant ertappt, aber bevor sie mit ihren Ausflüchten herausrückt.
In jedem Fall: Früher als der Zuschauer es erwartet.

fehlender Spieltrieb

Wie ich bereits mehrmals schrieb, fiel es mir (und offenbar auch anderen Lehrern) immer leicht, Elemente des Improtheaters zu lehren, die ich mir selber bewusst aneignen musste: Schauspieltechniken, Erzähltechniken, radikales Akzeptieren usw.
Schwieriger zu vermitteln hingegen erschienen mir Dinge, die für mich nie ein Thema waren, hier vor allem der Spieltrieb.
Anfängerkurse beginnen in der Regel mit einer Botschaft der Hemmungslosigkeit: Alles ist OK, spiel einfach, au ja! Fast jeder springt darauf recht schnell an, und doch gibt es Schüler, denen das Spielerische so abgeht, dass sie stets den Sinn einer Übung oder eines Spiels hinterfragen, sich in "Kann-ich-nicht" oder "Will-ich-nicht" zurückziehen.
Oft ließ mich das sprachlos zurück. Ich fühlte mich an die alte Sanostol-Fernseh-Werbung erinnert, in der eine Gruppe Kinder fröhlich schreiend durch nasses Herbstlaub um die Ecke rennt. Hinterher trottet das eine lustlose sanostolbedürftige Kind.
Die Spielfreude immer wieder zurückzuerobern - darum geht's. Und dafür brauchen wir immer wieder neue Übungen.

11. Mai 2009

Shakespeare auf die Schnelle

Ich weiß ja, Improspieler wollen immer schnelle Listen, die ihnen die Arbeit erleichtern. Bitte sehr. Shakespeare für Eilige:
1. Reime: Es wird gereimt a) in Prologen und Epilogen, b) von Narren und in Liedern, c) die letzten 2 Zeilen einer Szene. Ansonsten ist alles ungereimt.
2. Ungebundene Sprache: Einfache gesprochene Sprache wird von einfachen Menschen - Bauern, Handwerkern usw. gesprochen.
3. Fünffüßige Jamben: Von allen anderen, insbesondere Adel und höheren Dienern. Ich denke, man muss sich nicht immer sklavisch dran halten, obwohl es so schwer auch nicht ist: Einfach einen normalen Vierer-Vers sprechen und noch ein betontes Element ranhängen, z.B. "Im FRÜHling SCHEINT die SONne OFT" (und wir hängen ran: "am MORgen"). Wichtiger aber ist, und das kriegt man mit ein bisschen Übung recht schnell hin, ist die "Sprache mit Haltung".
4. Im Dialog sich stets auf das beziehen, was der andere eben gesagt hat, ruhig auch Wörter oder Satzelemente zitieren.
5. Tragödie läuft idealtypisch so ab: Der Held versucht, das Gute zu tun, reitet aber gerade dadurch alle ins Unglück. Es stirbt fast immer einer mehr als erwartet. Oder es endet im gar greulichen Gemetzel.
6. Komödie: Beruht meistens auf Missverständnissen und Verwechslungen. Meines Erachtens schwerer zu spielen, da wir uns im Missverstehen verstehen müssen. Typisches Ende: Hochzeit.
7. Typische Themen: Umstrittene Thronfolgen, umstrittene Hochzeiten oder Liebschaften.
8. Typische Orte: Britannien, Italien, antikes Rom oder Griechenland. (Dänemark ist die eine bemerkenswerte Ausnahme.)
9. Typische Elemente: Belauschen, Verstecken, Maskieren, Schauspiel im Schauspiel.
10. Fast immer gibt es eine Art "Moral" am Schluss, die entweder im Epilog oder von einer der Figuren explzit benannt wird. Auch hier macht sich ein Endreim gut, da er
sozusagen mit einem Tadaa das Ende markiert.

9. Mai 2009

Gestern gespielte Figuren

1. musikalische Szene: Vater der Heldin / wahnsinnige Tante
2. Shakespeare-Drama: Narr / "Der schwarze Müller"
3. Passenger-Rolle im Game: Kellner
4. Chef im Finanzamt / Banker in Luxemburg
5. Oper: Raumschiffkapitän

Darunter keine Protagonistenrolle. Vermeidet man die manchmal? Unwohl fühlte ich mich als "wahnsinnige Tante", da dadurch der eher dramatischen Szene ihre Wucht genommen wurde. Gut war der Shakespearesche Narr, da mir die Mischung aus Dreistheit, wortspielerischer Gewandtheit und Gefährlicheit ganz gut gelungen ist.
Man müsste sich mal Gedanken machen über Raumschiffszenen. Habe noch keine einzige spannende gesehen oder gespielt, von ein paar gelungenen Features mal abgesehen. Aber es muss möglich sein.