Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

28. Dezember 2008

Wieder mal Helge Schneider übers Improvisieren

"In Stuttgart hab ich so ein Erlebnis gehabt, da bin ich dann irgendwie so auf die Bühne gegangen, wo ich gar nicht wusste, wo die ist. Und das war ein schöner Abend, da war auch noch Stromausfall. Und das kann dir beim Film nicht passieren. Du bist ja ständig am Planen. Wir haben zwar auch improvisiert in dem Film [Texas]..., "




Schlingensief: "Wo liegt eigentlich der Unterschied? Ich hab auch Klavierunterricht gehabt, ich kann überhaupt nicht improvisieren. Kriegt man das beigebracht oder kann man so was? Wie kommt das? Absolutes Gehör? Oder wie kommt das, dass man improvisieren kann?"
Helge Schneider: "Absolutes Gehör hab ich nur bedingt. Ich hab so 'ne Art Gewohnheitsgehör. Aber absolutes Gehör hab ich nicht. Das muss man auch nicht haben, das hat nichts mit Musikalität zu tun. Musikalität ist die Fähigkeit, etwas, das man singen könnte umzusetzen, auf irgendeinem Instrument. Es ist ganz egal welches. Deshalb spiele ich auch so viele Instrumente: Weil ich gelernt habe, das was ich gedacht habe, für mich zu spielen. Ich kann also jedes Instrument lernen, wenn ich weiß, wie das technisch funktioniert. [Und dass man improvisieren kann] das ist ne Gabe, die man nicht erklären kann. (...)
"Ich hab auch immer gemalt. Ich war ein besessener Zeichner und Maler."
"Die Könnerschaft fängt nie an. Man hört ja nie auf zu lernen. Die Könnerschaft, die gibt's gar nicht."

Schlingensief: "Was ist das Helge-Schneider-System?"
Helge Schneider: "Ich hab da eigentlich ur so Bilder aneinandergereiht. Jetzt geht derjenige hin, der meint, er hätte auf der Filmhochschule alles gelernt und sagt: 'Hörma Schneider, dein Film ist aber Scheiße, da sind ja furchtbare Schnitte drin, was isn das, da is ja gar kein Rhythmus drin?' Genau das ist das - das sind die Typen, die zu Technomusik sich den Arsch verrenken und von Rhythmusgefühl keine Bohne haben. Und ich hab das Rhythmusgefühl. Deshalb hab ich den Film so gemacht. Weil ich hab den Rhythmus nämlich breit gestreut, über den ganzen Film. Und der Film hat'n Rhythmus, den siehst du aber erst ganz zum Schluss."

26. Dezember 2008

Impro und Listen

Vera Birkenbihl rehabilitiert Listen als kreatives Instrument. (Ich hatte ja hier schon mehrmals meinen Unmut über die Listen-Wut der Improspieler bekundet.) Die Frage aber ist, wie wir Listen verwenden. Sie taugen sehr wohl, wenn man ein bisher unmarkiertes Gedankenfeld untersuchen will - eine Art Brainstorming, mit dem Ziel, die Reichweite eines Themas zu bestimmen. Wenn man beispielsweise als Schauspieler bemerkt, emotional immer wieder in die gleichen Bahnen zu geraten, kann es durchaus angemessen sein, sich mal eine offene, innerhalb einer Stunde/eines Tages/ einer Woche immer weiter zu verlängernde Liste anzulegen und dann zu sehen, was man davon benutzt und was nicht. Die Liste sollte öffnen, zum weiteren Arbeiten inspirieren, und nicht als geschlossenes System betrachtet werden, aus dem sich der Improspieler zu bedienen hat, wie es mir neulich traurigerweise vom Loose Mosse berichtet wurde, wo in der Garderobe die Fastfood-Schauspiel-Listen von Johnstone hängen, nach denen man sich zu richten habe.

22. Dezember 2008

Lokationen

Gute Räume für Impro-Shows sind oft schwer zu finden, wenn man nicht gerade in einer mittelgroßen Stadt das einzige Improtheater ist und der Intendant des Stadttheaters überlässt einem vor lauter Begeisterung den Samstagabend.Wieviel Zuschauer will man erreichen bzw. mit wieviel Zuschauern rechnet man? Danach richtet sich nicht allein die Größe des Raums, sondern auch die Größe der Bühne, ob man technische Verstärkung benötigt usw.Ist eine gute Kooperation mit den Betreibern des Theaters, Cafés usw. zu erwarten? Oft merkt man schon in den ersten Gesprächen, ob die Betreiber ein Interesse an einem haben oder nicht. Wenn man an regelmäßigen Terminen spielt, muss mit dem Betreiber geklärt sein, wie man damit umgeht, wenn er einmalig eine lukrativere Veranstaltung bekommt: Lässt er einen dann fallen wie eine heiße Kartoffel oder kann man mit Loyalität rechnen?Fokus: Oft wird gerade bei Bar-und Café-Improvisation das Thema Fokus unterschätzt. Stehen Säulen rum, die die Sicht nehmen? Muss man in der Ecke eines Cafés zwei Seiten bespielen? Gibt es Möglichkeiten, in einem großen Raum, diesen z.B. mit Stellwänden oder Vorhängen zu verkleinern? Gibt es Bar-Nebengeräusche und kann man diese vermindern? Liegt die Räumlichkeit an einem schwer zugänglichen oder etwas abgelegenen Ort? Spricht das Etablissement vor allem eine bestimmte enggefasste Zielgruppe an (Hausbesetzer, Rentner...)? Und wenn ja, lässt der Raum es zu, dass sich andere Gruppen nicht völlig abgeschreckt fühlen?Gibt es finanzielle Regelungen, mit denen beide Seiten gut leben können?Selten wird man einen Raum finden, in dem alle diese Punkte 100%ig gelöst sind. Man frage sich: Wo gehe ich wieviele Kompromisse ein?

16. Dezember 2008

Macbeth

Aus Macbeth 1. Aufzug, 2. Szene
Krieger (verwundet, berichtet vom Kampf): (...)
Kaum zwang das Recht, mit Tapferkeit bewehrt,
Die hurt’gen Kerne, Fersengeld zu zahlen,
Als der Norweger Fürst, den Vorteil spähend,
Mit blanken Waffen, frisch geworbner Schar
Aufs neue Kampf begann
Duncan: Entmutigte
Das unsre Feldherrn nicht, Macbeth und Banquo?
Krieger: Jawohl! wie Spatzen Adler, Hasen Löwen.
Gradaus gesagt, muss ich von ihnen melden,
Sie waren wie Kanonen, überladen
Mit doppeltem Gekrach; so stürzten sie,
Die Doppelstreiche doppelnd, auf den Feind;
Ob sie im heißen Blute baden wollten,
Ob auferbaun ein zweites Golgatha,
Ich weiß es nicht -
Doch ich bin matt, die Wunden schrein nach Hilfe.
Duncan. Wie deine Worte zieren dich die Wunden;
Und Ehre strömt aus beiden. Schafft ihm Ärzte.

Man stelle sich diese Stelle aus Macbeth als Improszene vor. Bemerkenswert ist hier das radikale Akzeptieren und Vorantreiben. Die Frage, ob Macbeth und Banquo entmutigt waren, beantwortet der Krieger poetisch, mit einem Bild, das sich direkt aus der Frage ergibt. Man beachte das "Jawohl!", ohne das das Bild nicht möglich wäre. Und hübsch lyrisch auch die doppelte Dopplung ausgerechnet des Wortes „doppeln“.

7. Dezember 2008

Spontanheilung

Nicht nur einmal ist es mir so ergangen, dass ich, als ich eine leichte Erkältung hatte, nach dem Auftritt fast wieder geheilt war. Liegt es am Adrenalin?

3. Dezember 2008

Tags oder abends - Fokus bei Herbie

Wie sehr sich doch der Fokus verändert, wenn selbst ein großer Improvisierer wie Herbie Hancock tagsüber auftritt. Praktisch die ganze Zeit sieht man im Hintergrund Menschen rumlaufen, statt von diesem Ereignis faszininiert zu sein.

2. Dezember 2008

Workshopnotizen - Pünktlichkeit

Ich bitte darum, zehn Minuten vor Beginn da zu sein, denn für Schüler ist es schwer, untereinander Pünktlichkeit einzufordern. Pünktlichkeit ermöglicht ein gemeinsames Einstimmen, einen gemeinsamen Fokus. Dennoch halte ich diesen Punkt flexibel, wenn es z.B. um Jobs oder Kinder geht.
Nicht gelten lasse ich: "Ach, ich bin eben so ein typischer Zuspätkommer." Den "Ich kann"-Muskel trainieren wir dann eben schon jetzt. Sei derjenige, der permanent viel zu früh kommt. Ändere dein Selbstbild. Ändere es jetzt.