Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

23. Oktober 2008

Overcoaching

Es kommt nicht darauf an, den Schüler zurechtzustutzen, sondern seine besten Qualitäten zu fördern.
Q: "What about being overcoached? Then the true you, the true candidate may not come out, right?"
A: "Right. And I think that some of the criticism you're finding circulating about Sarah Palin that she is too much a product of her media coaches. And I think a good successful media coach figures out what the basic style, language, voice and personality of the trainee is. And you enhance the best qualities of the trainee, not trying to make them somebody they're not. You have to feel comfortable in your own skin. And a good coach will figure out how to do that."

22. Oktober 2008

Redundante Publikumserwartungen

So oft ich hier auch das Publikum in Schutz nehme, manchmal muss es auch vor sich selbst geschützt werden. Eine Form wie "Blank Slate" zum Beispiel tendiert zu Redundanz. Das Publikum wird gefragt, wie die Story weitergehen soll. Als Zuschauer hat man aber keinen Mut zur Lücke, und so wird alles haarklein wiedergegeben. (Der Reiz der Form liegt dann auch eher in der direkten schauspielerisch-spontanen Umsetzung.)

20. Oktober 2008

Amy Poehler

Im Mai 2003 sah ich erstmals die großartige Amy Poehler bei der Upright Citizen Brigade in New York City. Immer und immer wieder lag ich allen möglichen Festivalveranstaltern in den Ohren, diese großartige Improvisiererin nach Deutschland einzuladen.
Jetzt ist sie nicht nur hochschwanger, sondern auch noch Top Act bei Saturday Night Live. Der Preis steigt. http://www.youtube.com/watch?v=N6ya39slPgs

19. Oktober 2008

Interview mit Talia Shire

Impro vor der Kamera. Interview mit Talia Shire über Marlon Brando.
"You can't forget where the camera is until you know where the camera is." (Dasselbe kann man übers Publikum sagen.)

17. Oktober 2008

Abbruch

Beginne bei der Chaussee der Enthusiasten einen Text. Unruhe im Nebenraum, die langsam aber sicher rüberschwappt. Der Text ist schwächer und pointenarmer als der Durchschnitt. Ich breche ab. "The show must go on" kann ich hier nicht akzeptieren. Besser ein kurzes Erschrecken als eine Qual durch einen als langweilig empfundenen Text, der das ja auch nicht verdient hat.

14. Oktober 2008

Kanten abschleifen

Änderungen wirken unecht. Änderungen können weh tun. Improvisation lernen heißt für die meisten, Routinen abzulegen, sich zu öffnen, das Spielerische zu erkennen, vor allem aber: Ja zu sagen zum Unbekannten, vielleicht auch Verstörenden.
Jeder Anfänger-Workshop tut gut daran, mit einfachen Spielchen zu beginnen, die noch nicht viel mit Impro zu tun haben, sondern die nur die Funktion haben, das Ego abzuschleifen, die Angst vorm Sprechen, vorm Blödsein, vorm Schlechtaussehen usw. zu nehmen. Was übrigens auch ausgebildeten Schauspielern immer wieder gut tut.
Aber auch für Impro-Profis empfiehlt es sich, ab und zu ein neues blödes Spiel auszuprobieren, das das Ego schleift.

Kürze

Kurt Schwaen: "Ich bin für Kürze. Aber Kürze muss sein, weil man nicht lang will, nicht, weil man nicht lang kann."

13. Oktober 2008

Unangenehm, aus Gewohnheiten auszubrechen

Ich bitte die Schüler, die Arme zu verschränken und es dann andersherum zu tun. Von den meisten wird das als verstörend empfunden. Wir richten es uns in unseren Gewohnheiten ein und empfinden es als Zumutung, unser Verhalten zu verändern. Nichts anderes bleibt uns aber übrig, wenn wir lernen wollen, wenn wir Freiheit erleben wollen.
Wir trainieren Bühnenpräsenz. Einen der Schüler bestätige ich in seinen zwei Marotten und bitte ihn, er möge damit spielen, während er einen Monolog hält. Dieser Monolog und der, den er danach hält gehören zu den besten des Workshops.

6. Oktober 2008

Abrufbare Songs

Eine Impro-Gruppe hatte einen guten Musiker, der vor allem mit Percussion und Violine umzugehen verstand. Auch seine Art, hier und da kleine, Sounds aus dem Keyboard zu locken, war sehr passend.
Aus irgendeinem völlig bescheuerten Grund sah er sich aber dazu veranlasst, in jeder zweiten Szene auf die Demo-Song-Datenbank des Keyboards zurückgreifen zu müssen. Also nicht nur nicht-improvisierte Musik, sondern schlechte Musik: Verpoppte Beatles-Songs, dämliche Humpta-Polkas usw.
Was für ein Teufel saß diesem guten Musiker im Nacken?

Vorschlag KZ

Nun ist es nach all den Jahren endlich geschehen - "KZ" als Vorschlag für eine Impro-Szene. Das Ganze auch noch im Playback-Theater, so dass es praktisch nicht vom Tisch gefegt werden konnte, da es sich um eine wahre Begebenheit eines Zuschauers handelt.
In Situationen wie diesen zeigt sich Stilsicherheit. Wie geht man mit einem derartigen Thema um, ohne platt zu werden, ohne Trash zu spielen. Ich denke, es geht nur, wenn wir einen Sinn für Form entwickelt haben. Erst die künstlerische Form hebt das Thema auf, und zwar auch dann, wenn das Ganze einen halb-therapeutischen Charakter hat.
(So sauber ich hier auch daherrede, ich bin froh, nicht in der Haut der armen Playbackspieler gesteckt zu haben.)

Übung zu Abstraktionen

Sobald wir den Bereich des nicht-narrativen Improvisierens betreten, ist unser Sinn für Formales gefragt. Umso wichtiger ist es dann, dass wir Szenen "zerlegen" können, dass wir wach sind für die verschiedenen Ebenen, die spielrelevant sein können, z.B.:
  • Sinn
  • Emotion
  • Bewegung im Raum
  • reiner Text
  • Geste
  • Sound
  • Referenzen auf Externes
Was können wir wiederverwenden, womit können wir spielen, was können wir variieren, modulieren, wo können wir Gegensätze aufbauen?

Übung: Spielt eine kurze Szene und nehmt sie auseinander. Was habt ihr entdeckt? Die zuschauenden Spieler spielen anschließend Soli - nur der Text, nur die Bewegung, nur die emotionalen Sounds, eine Begebenheit, auf die referiert wurde usw. Was lässt sich kombinieren?
Ausprobieren!