Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

30. September 2008

Bescheidenheit und Größenwahn

Von Zeit zu Zeit lohnt es sich, etwas zu beginnen, was man eigentlich für zu klein hält.
Aber auch das zu Große will mal ausprobiert werden.

24. September 2008

Wem verzeiht man was?

Ich glaube, ich lege unterschiedliche Maßstäbe an, wenn ich Improvisierer sehe.
Jungen Spielern verzeihe ich am ehesten Gagging und beschränkte schauspielerische Fähigkeit, am wenigsten Lahmarschigkeit und Mangel an Engagement.
Älteren Spielern verzeihe ich mangelnde physische Beweglichkeit, aber keine vorsätzliche Doofheit.
Ähnliches könnte man ausführen für Anfänger vs. Routiniers, Frauen vs. Männer, Langform-Spielern vs. Game-Spielern usw.

23. September 2008

Impro und Autismus

Der MDR sendet am 27.09 um 11.08 Uhr in der Sendung "selbstbestimmt" eine 5 minütige Reportage über Luka, sein Son-Rise Programm und die Verbindung zum Improtheater inklusive Nennung des Vereins Artists meet Autism e.V. und dem Benefizfestival.
Wiederholung am Mo, den 29.09 um 9.20 Uhr http://www.mdr.de/selbstbestimmt/5202406.html

21. September 2008

Sei nicht schlauer als das Spiel

Ich habe es hier vielleicht schon mal geschrieben: Sei nicht schlauer als das Spiel. Ein gutes Impro-Spiel funktioniert vor allem dann, wenn man sich ihm bedingungslos unterwirft.
Biespiel Zettelspiel: Sofort den Zettel aufheben und ihn vorlesen, statt mit einleitenden Worten, das Risiko abzumildern. Sobald die szenische Situation wieder einigermaßen stabil ist, gleich wieder einen neuen Zettel aufheben. Nur so entsteht der Tanz.

19. September 2008

Impro mit Uli Hannemann

Zu Gast bei Dan Richter: Botaniker des Grauens



Am Mittwoch, dem 24.9., spielt Uli Hannemann beim Improtheater Berlin Foxy Freestyle

Vorschläge erfragen

Als ich diese Woche wieder einmal im Publikum saß, fiel mir auf, wie schwierig es doch manchmal als Zuschauer ist, gute Vorschläge zu geben. Man tickt einfach etwas langsamer, wenn man auf einem bequemen Stuhl sitzt, als wenn man sich phyisch und geistig aufgewärmt auf der Bühne befindet.
Manche Fragen nach Vorschlägen laufen immer wieder ins Leere, z.B. "Gebt mir eine Sehnsucht, die ein Mensch haben kann". So abstrakt gefragt, ist es für die meisten schon schwierig, darauf zu antworten. Entweder es wird zu abstrakt ("Geliebt werden") oder zu banal ("mehr Geld haben"). Und in 90% der Fälle lautet die Antwort: "In die Antarktis reisen."
Ein guter Kompass für die Fragen nach Vorschlägen ist: "Würde ich selbst sofort mehrere Antworten wissen?" und "Inspirieren mich mögliche Antworten?" Wer von einem Schauplatz nicht inspiriert wird, sollte nach etwas anderem fragen.
Manche Vorschläge erfragt man besser konkret statt abstrakt. Z.B. wird auf die Frage nach einem Beruf hierzulande gern "Bäcker" oder "Metzger" geantwortet, wahrscheinlich weil diese als Prototypen im Kopf verankert sind. Also lieber fragen: "Was arbeiten Sie?" oder "Was ist die seltsamste (schönste, langweiligste...) Arbeit, die Sie je gemacht haben.
Anderes erfragt man besser abstrakt als konkret, z.B. wenn man vor lauter Schülern spielt, ist es sinnlos zu fragen: "Wo warst du heute um 11 Uhr?", da zu diesem Zeitpunkt alle Zuschauer in der Schule waren. Dieses Beispiel zeigt, dass eine offene Impro-Haltung auch im Umgang mit dem Publikum wichtig ist: Wir sollten wahrnehmen mit wem und für wen wir spielen und nicht einen Standard abspulen.

Länge von Moderationen

Ansagen und Anmoderationen sollten so kurz wie möglich und nur so lang wie nötig sein. Eine der nervigsten Anmoderationen, die ich mal gesehen habe, hat 18 Minuten gedauert: Erklärung des völlig überladenen Showkonzepts mit Mannschaftspunkten, Abzugsystem, Gewinnmöglichkeiten fürs Publikum usw., Erklärung von Improvisation, Warm Up des Publikums, Vorstellung der Spieler. Alles irre umständlich und so als ob er es mit einer Horde Idioten zu tun hätte.
Man mache sich klar, worum es in einem Format oder Game geht und kündige es klar und deutlich an.
Formate, vor allem wenn sie die Beteiligung des Publikums erfordern, sollten nicht zu viele Regeln haben und nachvollziehbar sein.
Spielregeln von Games auch deutlich erklären, statt sich mit "Das versteht ihr schon, wenn ihr's seht" rausreden.

Dann schubst man den

Helge Schneider. Kurz, knackig, at his best:

16. September 2008

Freiheit und Abhängigkeit - Tanz

Übung Tanz-Impro
1. kurzes Duett mit permanentem Augenkontakt
2. Duett, ohne den anderen überhaupt zu sehen
3. man kann entscheiden, ob man den anderen sehen will oder nicht
4. blindes Duett
Die Freiheit wächst im Idealfall mit jeder Stufe. Interessant, dass die Rhythmik und das Gemeinsame verbessert wird . (Der alte Trick: Wir üben das Eine nd lernen dabei das Andere.) Man lässt die typischen Muster, die man im Kopf hat und die sich dann als Bewegung ausdrücken fallen und erreicht eine neue Stufe der Freiheit.

15. September 2008

Schluss-Satz

Es muss nicht unbedingt ein Satz sein, eíne Pointe, mit der das Stück oder die Szene endet.
Auch eine wiederaufgenommene Handlung (z.B. vom Beginn des Stücks), eine Geste, ein Bild können den Schlusspunkt setzen

Der Schwung der Figuren

Kräftige Figuren können nicht nur eine einzelne Szene ins Rollen bringen, sondern die komplette Geschichte. Sie brauchen einen starken Willen und bestimmte Routinen, sollten aber auch in gewisser Weise flexibel sein, um reagieren zu können und sich innerhalb ihrer Grenzen verändern zu lassen. Im Fernsehen funtionieren die Serien so: Die Figuren werden immer und immer wieder aufeinander losgelassen, nur das Thema variiert. Allerdings liegen hier eben auch die Grenzen von Fernseh-Serien: Dadurch dass die Charaktere sich nie oder nur geringfügig verändern, haben wir immer wieder die gleiche Ausgangssituation, nichts verändert sich.
Ganze Romane wurden angelegt anhand von Figurenlisten.

11. September 2008

Genres

Bei einem Auftritt wünscht sich das Publikum ein längeres Stück als Western - ein Genre, das wir in unserer Formation bisher weder geprobt noch aufgeführt haben. Ich schlage ein Brainstorming mit dem Publikum über Themen und Motive des Western vor, da ich befürchte, dass wir sonst, wie bei 99% aller Impro-Western eine klischeehafte Saloon-Szene erleben werden.
  • Einsamer Rächer
  • Der Outlaw
  • Der Kopfgeldjäger
  • Eisenbahnbau und Pioniere
Whiskey, Pferde, Saloon, Colts sind die Requisiten, die einem ohnehin einfallen werden.
Es wird erstaunlicherweise eine der besten Impro-Szenen, die wir je mit dem Improtheater Foxy Freestyle gespielt haben: Elememte aus Spiel mir das Lied vom Tod, Western von Gestern und High Noon vermischen sich mit der abgedrehten Spielfreude unseres tollen Ensembles. Ich bin stolz auf uns.
*
Ich glaube, gelernt zu haben, dass es sich noch mehr lohnt, thematisch über das Genre klarzuwerden, als lediglich auf die Bilder im Kopf zu vertrauen.

9. September 2008

Umsetzbarkeit

Man lasse sich bei der Auswahl von Spielen und Spielformen auch von der äußeren Situation leiten. Oft schon wurden Spiele ausgewählt, die vielleicht für den Abend nett gemeint waren oder auch beim Publikum anzukommen versprachen. Aber dann wurde vergessen, dass man in der konkreten Bühnensituation das nicht umsetzbar war (fehlendes Mikro, zu großes oder zu kleines Publikum).
Stelle dir das Spiel visuell auf dieser konkreten Bühne, mit diesen Spielern, mit diesem Publikum und mit diesem technischen Equipment vor.

8. September 2008

Aus der vollen Leere schöpfen

Sich innerlich zu befreien, zu leeren, heißt nicht, dass wir leer und öde dastehen sollen. Das Ja-Sagen genügt nicht, wir brauchen auch Einsatzfreude. Das heißt, wir müssen unsere Fähigkeiten, unser Wissen einbringen, ohne andererseits unserer Eitelkeit zu gestatten, Wissen und Fähigkeiten zu blockierenden Elementen werden zu lassen.



"Empty your mind. Be formless, shapeless, like water. Now, you put water into a cup - it becomes the cup. Putting it into a tea-pot - it becomes the teapot. Look, water can flow, or creep, or drip or crash. Be water, my friend." - Bruce Lee

7. September 2008

Wahrer Monolog - Formen

Ich muss sagen, ich bin ein großer Fan von wahren Monologen auf der Impro-Bühne. Sie erden die oft abgedrehte Improvisation auf angenehme Art. Man sei offen, ohne die Hosen runterzulassen: Oft wird "wahrer Monolog" missverstanden als Spiel wie "Wahrheit oder Pflicht". Ist es aber nicht. Erzähl einfach irgendetwas, was dir zu einem Thema, einem Wort, einer Sequenz oder einer Idee einfällt.
  1. Eine erlebte Episode
  2. Ein persönliches positives oder negatives Statement ("Ich steh auf Kampfsport."
  3. Eine Information aus dem Bereich "Was ich alles weiß". D.h., man nicht immer Anekdoten aus der Kindheit ausbuddeln, sondern kann einfach mal etwas objektiv berichten. Viele unterschätzen ihr eigenes Wissen. Die Erfahrung zeigt: Jeder kann Detailwissen auffahren, dass für 90% der Anwesenden völlig neu ist.
Die Monologe seien klar und zielgerichtet. Plauderton lenkt oft vom Fokus ab.

5. September 2008

Publikum kompakt

Jeder Zuschauer hält sich für objektiv. Dennoch wissen wir, dass es eine Rolle spielt, wo das Publikum sitzt und wie es sitzt:


  • Möglichst dicht beieinander. Darauf sollte man vor allem achten, wenn der Raum vergleichsweise groß ist. Große Tische, weit auseinanderstehende Stühle lassen das Publikum verloren erscheinen. Es ist schwieriger, sie anzuspielen. In einer kompakten Publikumsgruppe pflanzt sich das Lachen auch leichter fort.

  • Nicht zu bequem. Sofas und Sessel laden zum Lümmeln ein. Man wird als Zuschauer schneller träge.
Also: Positiv und möglichst vor der Show darauf hinweisen, dass die Zuschauer mehr davon haben, wenn sie in den vorderen Reihen sitzen ("solange noch Plätze frei sind.")

2. September 2008

Die zweite Szene

Die zweite Szene einer story-orientierten Langform orientiere sich eher am "Game" der ersten Szene, an der Dynamik, an der Poesie. Wenn stattdessen einfach der Plot weitergeführt wird, ist es langweilig und vorhersehbar.

Simpsons & Commedia dell'arte

Phil Wells vergleicht auf YesAnd die Simpsons mit der Commedia dell'arte: Die Figuren bleiben gleich und werden in immer neue Situationen geworfen, ohne ihren Charakter komplett zu verändern. Wahrscheinlich das Rezept für die meisten Sitcoms und selbst Soaps.
Effektvoll, aber wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich mir Serien noch nie lange anschauen mochte.
Ich bin offen, mich eines besseren belehren zu lassen.

1. September 2008

Radio-Impro mit Stephan Zeisig

Mit Stephan gelingt das unmittelbare Phantasieren sogar noch mehr als die Rollen-Dialoge:
Intro: Die Bevorzugung des rechten Arms durch Stephan Zeisig
Outro: Gewichtheben und Was Kaufhallen im Wege steht
Aber die Interviews haben auch Spaß gemacht:
Lutz Schnauz - der Betreiber des größten Karussells der Welt
Dieter Nussbach von der GdpKiVBB (Gewerkschaft der prekären Kontrolleure im Verkehrsverbund Berlin)
Mr. Salzmann - Books about books about book writing

Deutsche Impro-Foren

Deutsche Internet-Foren zum Thema Improtheater sind äußerst schlecht besucht oder versinken in ihrem grottigen Niveau.
1. Portal
http://www.impro-theater.de/index.php/forum/allgemeines-impro-forum/
Äußerst schwache Teilnahme, kaum Beiträge, obwohl man um Interessantes bemüht ist.

2. Xing
https://www.xing.com/app/forum?op=showforum;id=37697
Hier finden Diskussionen so gut wie gar nicht statt. Hilfreich allenfalls, um neue Mitglieder oder Gruppen zu finden.

3. Studi VZ
http://www.studivz.net/Groups/Overview/f1be07018fd76b2d
Lebhaft besucht, aber ...
Auszüge aus dem Thread "Lieblingsspiel":
  • Franziska Siolek schrieb
    am 27.08.2008 um 13:46 UhrWir haben am Samstag beim Match gegen Stadtgespräch das erste Mal die beschränkte Sprache mit Alliteration gemacht ("Tallo, tich tin tom Ticherheitsdienst!" "Mir mecken mim Mahrstuhl mest!" ...) und es ist enfach sooooooo geil. Die Leute haben sich ga nicht mehr eingekiegt!
  • Jens Habers schrieb
    am 27.08.2008 um 13:00 Uhr
    Ich mag am liebesten das Mörderspiel, das kommt auch beim Publikum immer am besten an.
  • Lars Metze schrieb
    am 06.07.2008 um 01:26 Uhr
    Mein Liebling zu sehen ist "Die Reklamation". Ich werde in letzter Zeit als Gromulo Dichter hergenommen: Zwei Spieler; einer ist ein ausländischer Dichter, der (möglichst expressiv) ein Gedicht (Thema vom Publikum) in seiner Sprache (festgelegt vom Publikum) vorträgt, der andere "übersetzt". Auch nett: Variante vom Gebärdendolmetscher: "Hände" Drei Spieler; Spieler A interviewt Spieler B über seinen Beruf (vom Publikum ohne B'S wissen bestimmt). Spieler C spielt nun die Hände von B (unterm Arm durchstecken) und B muss durch die Bewegungen von C's Händen vor seinem Körper seinen Beruf (evtl. auch noch sein Handicap) erraten.
    [Nachricht]
  • Ivonne G. schrieb
    am 22.06.2007 um 18:34 Uhr
    musikreplay und cd präsentation, allerdings nur mit musiker der renner
    [Nachricht]

Die "Wir-können-alles"-Haltung

Als Grundhaltung für den Improspieler empfiehlt sich tatsächlich die Haltung: "Natürlich kann ich das." Auch wenn man noch nie eine Opern-Arie gesungen, einen Spionage-Thriller gespielt oder ein Solo getanzt hat. Man nehme das, was man tut, ernst und versuche nicht, parodistisch zu sein, ohne wenigstens den Versuch zu machen, 100% zu geben.
Die "Wir-können-alles"-Haltung hat aber auch einen zwiespältigen Effekt für ein Impro-Ensemble oder eine Impro-Show: "Gebt uns ein Genre/eine historische Epoche usw." Das ist vor allem dann enttäuschend, wenn niemand aus dem Ensemble auch nur den Hauch einer Ahnung hat, was in der betreffenden Epoche geschah, oder was dieses Genre soll.
"Gebt uns ein..." impliziert ja auch immer, die Schauspieler könnten per Zauberei alles. Deshalb auch die vielen Scheiß-Vorschläge.