Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

30. August 2008

Professionalismus

Gestern wieder einen Fernsehbeitrag über Improtheater bei 3sat gesehen, in dem sowohl Reporter als auch Spieler nicht müde wurden zu betonen, alle Auftretenden seien "professionelle Schauspieler". Ich empfinde das fast als peinlich. So als vertrauten die Schauspieler dem Genre Improtheater nicht oder als würde es durch ihre 2-4 Jahre Schauspielschule geadelt. Man stelle sich das bei den Lesebühnen vor: Jemand betont im Interview, professioneller Schriftsteller zu sein...
Wenn Professionalität sich allein darüber definiert, ob der Künstler finanziell von seinem Schaffen leben kann, geht mir Professionalität am Arsch vorbei. Van Gogh hat kein Bild zu Lebzeiten verkauft. Kafka und Schiller hatten Jobs, die sie nur mühsam ernährten.
Gegen eine solide Ausbildung ist nicht nur nichts einzuwenden, sondern sie ist sicherlich hilfreich. Allerdings beweist sich die Qualität des Puddings beim Essen. Viele große Improspieler haben nie eine Schauspielschule von innen gesehen, sondern sich ihre Kunst durch Beobachtung und auf der Bühne erarbeitet: Randy Dixon, Del Close, die großartigen Crumbs kommen auch eher vom Schreiben. Das Hochschulzertifikat kannst du in die Tonne treten, wenn du nicht bereit bist, dich permanent mit deinem Schaffen auseinanderzusetzen.
Auch werden oft bestimmte Regeln mit Professionalität verbunden: Kleiderordnungen, wie eine korrekte Anmoderation auszusehen habe, in welcher Reihenfolge Games zu spielen sind, bis hin zu irgendwelchen Impro-Regeln, die in ihrer Starrheit absurd sind ("Keine Fragen stellen.").
Wenn es überhaupt eine Facette von Professionalität gibt, dann die, dass man sich ernsthaft mit Improtheater beschäftigt, dass es mehr ist als ein putziger Zeitvertreib, dass man bereit ist sich und das Spiel zu entwickeln, dass man weder geistige noch körperliche Mühen scheut:
Einsatzfreude!

Status im Menschen-Zoo

Offenbar übernahm Johnstone das Konzept "Status" von Desmond Morris "Der Menschen-Zoo", auch wenn man damit theatral schon länger spielte. Fragt sich nur, wie bewusst. Soweit ich es sehe, beschreibt erst Johnstone den Status halbwegs angemessen. Denn es geht eben nicht um sozialen oder moralischen Status, sondern um das physisch-emotionale Verhältnis von
  • Person - Person
  • Person - Gegenstand
  • Person - Raum,

das seinen Ausdruck im körperlichen und sprachlichen Verhalten findet (und nur zweitranging, wenn überhaupt, im Inhalt des Gesagten).

Benennen des Spannenden zerstört die Spannung

Mit Helges anarchistischer Improvisation kann Karl Dall überhaupt nichts anfangen. Alles Äußerliche wird thematisiert. Es bleibt negativ, nichts entwickelt sich. Trotzdem bleibt Schneider köstlich.

27. August 2008

Sinn für Sinn

Wir können technisch gut gespielte Szenen sehen, die uns dennoch unbefriedigt lassen. Man fragt sich: Es war doch gut akzeptiert, es gab gute Figuren, der Plot war OK aber etwas fehlte.
Wir können Storys nur dann gut entwickeln, wenn wir einen Sinn für die Bedeutung, d.h. für den Sinn des Gespielten entwickeln. Das heißt:
  • Sinn auf der Ebene des Gesprochenen: Was bedeutet das Gesagte für den Sprecher und für den Adressaten?
  • Sinn auf der Ebene der Story: Wohin führt uns das? Was ist die Konsequenz?
  • Sinn auf der Ebene des Spiels (i.S.v. Game): Spielen wir eine Komödie, ein Drama oder was auch immer?

26. August 2008

Schlüsse finden

Eine seltsame Scheu erfasst viele Impro-Spieler vor dem Schluss. Vielleicht ist es die Scheu davor, das Werk zu vollenden, nicht mehr zurückzukönnen (ähnlich der Scheu vor dem Abgeben der Dissertation oder Magisterarbeit).
Der letzte Satz der Szene oder des Stücks hat eine große Macht: Er definiert gewissermaßen die Moral des Ganzen - worum ging's. Aber genau das macht es auch umgekehrt relativ einfach, einen Schluss zu finden: Ab einem gewissen Zeitpunkt kann in einer guten Szene nahezu jeder Satz der Schlusssatz sein. Es ist dann oft weniger eine Frage des Inhalts als des Timing.
Wer auch immer die Verantwortung für das Ende hat - der Lichttechniker, ein Regisseur oder ein Mitspieler - man lauere, wenn die Zeit gekommen ist, auf den ersten starken Satz und beende die Szene. Die Ansprüche für die "Stärke" dieses Satzes sollten nicht zu hoch sein, oft reicht ein stark gesprochener Satz oder die Lach-Reaktion des Publikums. Dass man nach dem Satz das Ende setzt, macht ihn oft erst zum starken Satz.

19. August 2008

Immer auf die Kleinen - Europäische Rüpelhaftigkeit

Eine Regel von Bob Kennedy aus dem YesAnd-Forum:

Funny at the expense of the lower-status character = churlish. Funny at the expense of the higher-status character = comedy gold. Unless you're in continental Europe, where it's the other way around. I think.

Und wahrscheinlich hat er recht. Wie Grissemann schon sagte: Deutsche Comedy ist reaktionär. Der ganze Stefan Raab würde nicht funktionieren, wenn man das Lachen auf Kosten der Schwachen weglassen würde.

16. August 2008

Lob des Robert Naumann

Robert Naumann von der Chaussee der Enthusiasten gewinnt den Fokus der Zuschauer allein durch Ruhe und Zurückhaltung. Er liest den Text trocken, ohne in Lesebühnen-Leierigkeit zu schliddern. Den Witz überlässt er dem Text. Aufmerksamkeitsgewinn durch Ruhe.

Einsatzfreude, Witz und Geist

Seltsam, wenn Akzeptieren, Figuren-Schaffen, formales Storytelling usw. funktionieren, aber man als Zuschauer sich dennoch langweilt. Ich glaube, wir sehen so etwas häufig bei "übertrainierten" Gruppen und bei Impro-Spielern, deren Hauptfokus die Rolle ist. Die Show braucht aber ein zusätzliches Element: Kreatives Engagement. Es ist einerseits wichtig loszulassen, sich auf Impulse der anderen einzulassen, aber genauso wichtig ist es, bereit zu sein, sie kreativ zu verarbeiten. Billiges Gagging zu unterlassen heißt nicht, Humor sei verboten. Sich auf andere einzulassen, sich freizumachen, heißt nicht, doof zu spielen oder den Geist auszuschalten. Nutze deine Fähigkeiten, deinen Geist, deinen Witz.

11. August 2008

The dark side of creativity - Charles Manson

Es wäre töricht, seine Kreativität zu leugnen.

Aber es wäre auch töricht zu leugnen, dass sie mörderisch und uninspirierend ist.

10. August 2008

Obama, der Improvisierer

Während Obamas Reden gibt es immer wieder Zwischenrufe, manchmal konstruktiv, manchmal einfach begeistert, aber nichtssagend, und manchmal auch störend. Bemerkenswert ist seine blitzschnelle Reaktion, zu entscheiden, ob er auf eine kleine Störung eingeht und sie in seine Rede einbaut oder nicht. Im extremen Fall geht er direkt auf eine Gruppe hinter ihm positionierter Störer ein.

9. August 2008

"Fehler" in einer sehr guten Show

Sehr gute, geradezu exquisite Impro-Show am Freitag im RAW.
Die Spieler von Foxy Freestyle überbieten sich geradezu mit ihrer Spielfreude, ihren Figuren, ihrer Einsatzfreude. Alles wird positiv verwendet. Selbst als der Computer, mit dessen Hilfe wir Bühnenbilder projizieren, abstürzt, verwenden wir das konstruktiv.
Beim genaueren Hinsehen könnte man tatsächlich ein paar kleine, aber ziemlich haarsträubende Storytelling-Lücken entdecken. Verrückt aber, dass das im Grunde nicht mehr zählt, ob es aufgeht. Man nimmt als Zuschauer eigentlich viele Ungereimtheiten inkauf, wenn sie überzeugend vorgebracht werden. Das Konstrukt des Storytelling wird in der Analyse und in der Vorbereitung immer wieder überschätzt.

8. August 2008

Radio-Impro mit Uli Hannemann

Ohne Improvisation kommt gutes Radio kaum aus. Hier meine Versuche mit Uli Hannemann



Die Prophetin vom Treptower Berg - Dialoge aus der Nachkriegszeit
4.8.08 mit Uli Hannemann, Radio Funkwelle 92,5
Intro/Der unglückliche Casinobetreiber Lutz Schmödling
Oberprofessor Falko Wernig und der Wermolch
Martin Sülz - Kanalbetreiber
Hanspeter Schmidt - Der Kotzomat



**

5. August 2008

Nach einer "schlechten" Show

Ärgern hilft nichts. Schlechte Shows passieren, wenn man improvisiert.
  • Arbeitet man als Gruppe an einem Ziel? Dann möglichst neu fokussieren.
  • "One way I try to avoid the whole thing is to just set an individual goal for each performance (working a certain way with someone in the group, having a grounded energy, doing more character work..whatever). I find when I do this and the show sucks, well, it's not all a total loss."

4. August 2008

Das Publikum, das du verdienst

In gewissem Maße hat man auf lange Sicht das Publikum, das man verdient:
Spielt man trashig oder lädt zu Trashigkeit ein, wird sich das Publikum ermutigt fühlen, auch entsprechende Vorschläge zu machen. Intelligente Comedy zieht intelligentes Publikum an. Fangen die Shows generell zu spät an, kommt auch das Publikum zu spät (nicht umgekehrt!).
Ist man freundlich zu den Zuschauern, sind sie es ebenfalls.
Das ist freilich lediglich eine Tendenz. Gegen die angetrunkene Truppe, die sich in der Show geirrt hat und deren vom Gröhlen heiserer Oberkasper Heinzi glaubt, der Lustigste im Raum sein zu müssen, gibt es nur selten bessere Hilfsmittel als einen höflichen aber durchtrainierten Einlasser.
Damit ist allerdings noch nichts über die Anzahl der Zuschauer gesagt, die zwar oft mit der Qualität der Shows korreliert, aber auch von vielen anderen Dingen, wie clevere PR, glückliche Umstände von Zeit und Ort usw. usf. abhängt, auf die manchmal als Spieler wenig Einfluss hat.

Fortführen oder Revolutionieren

Anscheinend gibt es Künstler, die sich immer wieder Neuem zuwenden, und einen inneren Zwang verspüren, Formen zu sprengen: Miles Davis.
Andere schaffen Großartiges und bleiben dabei durchaus im formalen Rahmen ihrer Zeit: Mozart, der vielleicht den tonalen Rahmen etwas weiter fasste als seine Zeitgenossen.

2. August 2008

Maryam Schumacher: "War das auch wirklich improvisiert?"

Artikel in der heutigen taz über die Jackpot-Show von Paternoster.
Es gelingt ihr nicht, sich über die Improvisation als solche zu freuen, über das Entstehen im Augenblick. Stattdessen immer wieder der Verdacht, dass sei ja alles clever vorbereitet und die Aufgabe des Publikums sei es, den Schauspielern in die Parade zu fahren. Dass es auch die Möglichkeit gäbe, gemeinsam mit ihnen etwas aufzubauen, kommt Maryam Schumacher gar nicht in den Sinn.
Aber natürlich sind wir Improspieler auch nicht schuldlos. Solange wir Improtheater als Sensation aufziehen (und Formen wie Matches, Theatersport oder auch Jackpot verführen dazu), ändert sich auch die Haltung des Publikums nicht. Die Zuschauer stehen dann wie vor einem Zauberkünstler, dessen Tricks sie erraten wollen (natürlich gibt es auch bei solchen Shows Zuschauer, die sich auf die Magie des Moments einlassen). Die zerstörerische Haltung des Publikums wird angeheizt, wenn wir in den Vordergrund stellen, dass wir (Sensation, Sensation) aus wirklich allem etwas improvisieren können. Kein Wunder, dass dann Vorschläge wie Actionporno kommen.