Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

31. Juli 2008

Impro-"Regeln"

Aus der Diskussion über den Sinn von Impro-Regeln.
Mr. Stampede unterscheidet zwischen folgenden Regeln, die Impro-Anfänger meist zu lernen haben:
1. Bühnenregeln:
  • Laut und deutlich sprechen
  • Bewegungen auf der Bühne usw.

2. Improvisationsregeln
  • Akzeptieren
  • Entscheidungen treffen usw.

3. Regeln des Miteinander
  • Pünktlichkeit bei Proben
  • behutsamer Umgang miteinander

30. Juli 2008

Die Bourne Faszination

Greengrass zu den Gewaltszenen: "Unstructured, unconsidered ballet."
Matt Damon/Greengrass: Die Faszination für Bourne liegt auch in seiner Fähigkeit zu Improvisation. Im Gegensatz zu Bond verlässt er sich nicht auf die tollen Hilfsmittel, sondern auf seine Fähigkeit, mit dem umzugehen, was im Moment da ist. In der Brückenszene auf dem Bahnhof Friedrichstraße (!) schließen die Türen der S-Bahn nicht, als er in die Bahn springt. (Durchaus realistisch für S-Bahnhof Friedrichstraße.) Bourne entscheidet in Sekunden: Er springt auf das gegenüberliegende Gleis, wird fast vom Zug erfasst und springt dann auf ein Boot, was ihm die Knochen brechen könnte.

Bourne Supremacy - Vertrauen in die Dynamik

Paul Greengrass fordert die Schauspieler. "Die meisten Regisseure befreien die Schauspieler vom Denken." In einer Action-Szene wird Bourne verwundet. Die Anweisung An Matt Damon ist, sich keinen Kopf darum zu machen, ob die Kamera die Verwundung einfangen kann. "Wenn die Dynamik stimmt, wird man es schon verstehen."
Matt Damon: "It's just fun."

27. Juli 2008

Kreativität als Lebensprinzip

Einfühlsamer Artikel im Zeit-Magazin Nr. 30/2008 über eine Abifahrt. Darin Yannik: "Letztens hat jemand zu mir gesagt, er sei überhaupt nicht kreativ. Ich hae zurückgefragt: Warum lebst du dann?"
Als hätte er Stephen Nachmanovitch im Gepäck.

22. Juli 2008

Tempo des Szenenwechsels

Wenn wir auf unser Rhythmusgefühl beim Szenenwechsel vertrauen und uns von ihm leiten lassen, erhöhen wir die Chance, weniger an in unserem Kopf festgelegten Strukturen zu kleben.
Im Zweifel: Hohes Tempo bei innerer Gelassenheit.

Emily Bear

Wunderkind oder nicht, das ist egal, aber dieses Mädchen hat etwas, das über die schiere Musik hinausweist: Humor und Herz. Man drücke ihm die Daumen.


Gewohnheiten

Drei Wochen lang kann ich wegen einer Sehenenverklemmung in der Schulter den linken Arm nur eingeschränkt bewegen. Dann macht es "Derrrrr" und die Sehne dengelt zurück in ihre Ausgangsposition.
Aber immer noch bewege ich meinen Arm vorsichtig, und manche Bewegungen wirken dadurch unnatürlich.
Wieviele Gewohnheiten hat man durch kleinere körperliche und seelische Verletzungen angenommen, ohne sie wahrzunehmen? Und wie schwierig ist es, sie loszuwerden?

Limelight

Was für ein Film! Chaplin porträtiert seine eigene Angst, seine eigene Schwäche, seinen eigenen Untergang. Das Mitleid mit Chaplin überwiegt das Mitleid mit Calvero, denn nicht allein Calvero hat Schwierigkeiten mit seinen Gags, sondern auch Chaplin hat nicht mehr das Gefühl für Timing. Was in "The great dictator" begann, nimmt hier seinen Lauf: Lange Einstellungen, in denen Chaplin monologisiert. Die Bild- und Körpersprache kommt abhanden. Und er hält nicht Schritt mit dem Medium Film. Ein aufs Stichwort geliefertes Telegramm funktioniert zwar noch in den frühen 30ern, in den 50ern ist es billig.
Aber in jeder Szene spricht die Angst Chaplins und gleichzeitig seine Gier nach Leben.

Amateure

Dialog in Chaplin's "Limelight"
- Tonight you're going to make them look like a bunch of amateurs.
- That's all any of us are. Amateurs. We don't live long enough to be anything else.

20. Juli 2008

Armer alter Otto

So kann's kommen. 30 Jahre alte Gags plus Kalauer. Ober das selber mag? Man möchte ihn streicheln, den guten, armen, alten Otto.

Abkupfern

Um ein Gefühl fürs Spielerische zu bekommen kann man auch ruhig mal Bühnengehabe nachmachen. Live auf der Bühne ist es hingegen eher unangenehm und auf Dauer tödlich. Das konventionelle Theater lebt von diesem Getue seit Jahrzehnten, das Improtheater nicht weniger. Natürlich kann es einem helfen, auch mal Effekte auszuprobieren, aber gerade im Schauspielerischen sollten wir eher von der Welt des realen Miteinanders ausgehen, als davon, wie andere Schauspieler darstellen. Stanislawski scheint unter dieser Mache besonders gelitten zu haben. Seine Kommentare zu diesem Thema füllen mehrere Kapitel seiner schwer lesbaren Bücher.

19. Juli 2008

Live Lachen

Dieser Ausschnitt eines belgischen Doku-Fakes zeigt: Lachen kann Karrieren zerstören.




Nicht versuchen, nicht zu lachen, sondern an was komplett anderes denken. Atemzüge zählen. After zusammenkneifen. Lächeln.

18. Juli 2008

Impulse in Improvisation und Leben

Wie gehen wir mit unseren Impulsen um? Strategien:
  1. Ignorieren und unterdrücken: Die krassen Fälle dieser Strategie landen auf Lass-Deine-Wut-Raus-Seminaren oder leiden an Magenproblemen.
    Auf der Bühne haben solche Spieler Ladehemmung oder wirken unspontan.
  2. Sich hingeben: Im Extremfall gibt sich dieser Typus jedem Impuls hin, nichts Langfristiges wird beendet, jedem Vergnügen, jeder Sucht, jedem Tic wird nachgegeben.
    Auf der Bühne fallen diese Spieler dadurch auf, dass sie zwar schnell sind, aber auf die externen Impulse auf die immergleiche Art und Weise reagieren
  3. Handlungsoptionen verbreitern: Die ideale Form des mannigfaltigen Lebens. Fokus auf und Traing von positiven Reaktionen auf Impulse, komplexe Impulsverarbeitung.
    Auf der Bühne kennzeichnet diese Spieler eine große Palette an Reaktionen auf verschiedene Impulse aus.

Statt für die Bühne könnte man das auch für den Samurai-Kämpfer durchdeklinieren.

15. Juli 2008

Stephen Nachmanovitch - Gregory Bateson

Stephen Nachmanovitch, Autor des von mir so geliebten Buchs "Das Tao der Kreativität", das ich die Ehre hatte zu übersetzen, schrieb 1981 einen eindrucksvollen Artikel über seine Beziehung zu seinem geistigen und wissenschaftlichen Mentor Gregory Bateson. Die deutsche Version von "Gregory Bateson. Ein Porträt des englischen Anthropologen, Denkers, Sehers" kann man jetzt hier nachlesen: Nachmanovitch-GregoryBateson-German.pdf

Ideen - revisited

Ich präzisiere meine Position zum Thema "Ideen". Vor drei Jahren sagte ich hier, es komme auf Ideen nicht an, sondern auf den Flow. Inzwischen denke ich, man sollte die eigenen Ideen zwar schätzen, sich aber nicht an sie klammern. Im Grunde ist jede Idee brauchbar, entscheidend ist, was wir daraus machen. Sei offen für den Fluss der Ideen. Schätze jede einzelne, aber sei bereit, sie fahren zu lassen. Wenn man sich öffnet, muss man auch nicht befürchten, dass der Ideenfluss versiegt.
Vor allem in der Partner-Improvisation müssen wir lernen, die Ideen des Anderen zu schätzen. Wem das schwerfällt, möge versuchen, sie erst mal überhaupt nicht zu bewerten, sondern nur zu nutzen, zu akzeptieren und mit ihnen zu spielen. Die Liebe wird sich dann mehr oder weniger automatisch einstellen.

14. Juli 2008

Parodie

Frage eines Schülers, auf die Bitte, ein Genre-Stück zu improvisieren: "Richtig oder als Parodie?"
Das Problem dabei: Je "parodistischer" wir denken, um so schlechter wird selbst die Parodie. Also auch die Parodie ernst nehmen. Und wenn sie einem zu ernst gerät, und die Zuschauer bei einem Horror-Stück tatsächlich das Gruseln kriegen - na und? Spannung statt Ablachen ist doch auch mal was anderes im Improtheater.

Genre - Horror

Ein eigentlich schön gestaltbares Genre im Improtheater - das Horrorstück - wird leider viel zu oft verwurschtet. Vielleicht liegt es an den ersten Assoziationen an das Genre: Blut, Monster, Messerschlitzereien. Dabei ist das Entscheidende vielmehr das Mitgefühl mit dem Schrecken der Opfer. In einem guten Horrorfilm oder -stück läuft im Hinterkopf immer die Frage ab: "Oh Gott, was würde ich jetzt tun?"
  • So gut wie immer fangen Horrorfilme positiv an. Die Anfänge der Scream-Serie, die ja bewusst auch mit den Mitteln spielt, sond hier eher die Ausnahme, aber auch hier geht es dann erst mal relativ "normal" weiter.
  • Oft erinnert der Ablauf an eine gute Komödie: Ein kleines Missgeschick oder ein kleine moralische Übertretung - Autopanne, Ehebruch, Diebstahl - schraubt sich in die denkbar schlimmste Katastrophe.
  • Es gibt von Anfang an nicht zu übersehende Zeichen.
  • "Ich bin in fünf Minuten wieder da", heißt: "Ich bin in einer Minute tot."
  • Man erschrickt sich vor banalen Dingen: Katzen.
  • Du musst in den Keller. "Es" kommt dir hinterher.
  • Katholische Symbolik und Mystik macht sich gut, ebenso Volksglaube.
  • Das Böse wird besiegt... Fast, hähähä.

10. Juli 2008

Geschichten und Szenen beenden

Seltener als Szenenbeginnen wird das Szenenbeenden geübt. (Schade, aber logisch - ohne Anfang kein Ende.)
Es bedarf einer besonderen Schärfung des Blicks für Enden:
Moral (kann auch banal oder gar amoralisch sein), z.B. "Das kann also geschehen, wenn man ein Kind verwöhnt."
Überraschende Wendungen: Man denke an "Sixth Sense" oder das bescheuerte Maskenspiel bei Johnstone.
Offene Enden: Wie wird sich die Heldin entscheiden.
Erkenntnisse: Und seit jener Zeit gibt es in Europa keine Giraffen mehr.

Techniken des Beendens:
Physisch: Abwinken, Quer über die Bühne laufen
Verbal: "Ende der Szene"
Szenisch: Ausklingen/Stehen lassen
Pointe: Letzter Satz Richtung Publikum
Licht: Black

9. Juli 2008

Das ist Punk: Das kannst du auch.

Johnny Haeusler über seine vorwitzig-naive Art, seine Band Plan B zur Vorband von "The Clash" zu machen.
http://www.spreeblick.com/2006/02/10/1984/

8. Juli 2008

7. Juli 2008

Menschen als Vorlage

Man bemüht sich oft so sehr um die Erschaffung von Figuren aus Tieren, Objekten, Bewegungen usw. und vergisst darüber oft, wie einfach es doch ist, konkrete Personen nachzuahmen. Es geht ja bei uns nicht um gute Parodie, sondern um schnelle Erschaffung glaubwürdiger Charaktere. Das einfache Nachmachen ist uns angeboren. Kleinkinder lernen andauernd oder fast nur so. In der Schule äffen wir Lehrer und Mitschüler nach.
Wir können bei der Figurenfindung ruhig ein wenig trashen, Verfeinerung kommt wie immer später.

6. Juli 2008

Übung Storytelling

Kinotrailer spielen, inklusive der Einsprecher, Titelzeilen, schnelle Brüche usw. Man sei so spezifisch wie möglich und orientiere sich an modernen Trailern. Es schärft die Wahrnehmung für Kino-Genres: Wie sehen Action-Filme, Horror, Sci-Fi usw. wirklich aus, statt nur Klischees in unseren Köpfen abzurufen. Das Übel, dass die Trailer oft die Story in 40 Sekunden erzählen, gerät uns zum Vorteil: Schnelle Schnitte, Gegensätze, Brüche, statt abgespulte, voraussehbare Handlungen.

Prunk und Beschränkung

Fast zur Obsession ist es bei Max Goldt geworden, die scheinbare Selbstverständlichkeit, Kunst lebe durch Beschränkung, durch Weglassen, infragezustellen: Kunst lebe durch Prunk. Ein schöner Gedanke. Allerdings hat auch jeder Prunk seine Beschränkung. Auch Goldts Prunk, sei es in den Katz-Cartoons, sei es in seinen Aufsätzen. Schon der Erzählton ist Beschränkung. Sie sollte aber für den Künstler natürlich zum blinden Fleck werden, damit er umso freier den Prunk erstrahlen lassen kann.

Germans and rules

"So when you are working with games or heavily structured improvisation, the Europeans are really quick to pick up on that and to really be able to do it within the structure. When you get into sort of looser forms like the Harold or things. like that, at least unstructured Harold, it is a lot harder to get them to cut loose to sort of be free form. It is very difficult sometimes. But there is a desire on the Europeans' part, particularly the Germans, who tend to sort of be about rules, to really adopt that. I think that is one of the things that really appeals to them about improvisation and long program improvisation in particular the desire to be free, free of these rules and still be able to tell a story, whereas in America or in the United States in particular, it is the opposite."
Randy Dixon
http://ir.lib.sfu.ca/retrieve/2104/etd1733.pdf