Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

16. Juni 2008

Bewegungsübungen

Übungskomplex zur Wahrnehmung und Erfahrung von Bewegungsdimensionen:
1. Bewegungsabstufung Tempo
Gehen durch den Raum.
Wahrnehmung des Bodens unter den Füßen - Wahrnehmung des Atems - Freier Blick - Wahrnehmung der Umgebung - Wahrnehmung der anderen Spieler.
Man geht in verschiedenen, in klar voneinander abgegrenzten Geschwindigkeitsstufen: von kaum sichtbares Gehen bis Traben.
Auf ein Zeichen (z.B. Klatschen) des Übungsleiters wechseln die Spieler nach eigener Entscheidung das Tempo auf ein selbstgewähltes Level. Sie entscheiden erst im Moment des Klatschens, in welches Level sie wechseln.
Im nächsten Schritt fällt das externe Signal des Klatschens weg: Ein Spieler entscheidet selbst, das Tempo zu wechseln, die andern wechseln in diesem Moment ebenfalls.
Weiterer Schritt: Wenn ein Mitspieler das Tempo wechselt, entscheide ich, ob ich auch wechsle oder nicht.
2. Bewegungsgegensatz Staccato/Legato
Wir bewegen uns mit abgehackten Bewegungen durch den Raum und wechseln auf ein Zeichen zum gebundenen Legato-Bewegungen. Der Unterschied sei klar. Klare Pausen beim Staccato, kein Verschlenkern. Keine Pausen bei Legato.
Wechsel zwischen beiden Levels wie oben.
3. Bewegeungsgegensatz oben/unten
Wir etablieren drei Bewegungsebenen: Unten (Kriechen, Rollen), Mitte (Gebückt, Kniend), Oben (Gehend,Springend)
Wechseln zwischen den Levels wie oben.
4. Bewegungsgegensatz groß/klein
Wir etablieren den Gegensatz große/kleine Bewegungen. Man achte auch hier auf Präzision. Wenn ich mich für kleine Bewegungen entscheide, sind alle meine Bewegungen klein. Wenn ich mich für große Bewegungen entscheide, sind alle Bewegungen groß (und nicht etwa große Schritte und kleine Handbewegungen).
Wechseln zwischen den Levels wie oben.
***
Daraus die Performance: Duo oder Trio
Die Spieler suchen sich eine Position im Raum und finden einen gemeinsamen Anfang. Sie beginnen mit einer beliebigen Bewegung. Es gibt kein externes Signal (evtl. zu Beginn als Unterstützung). Ein Spieler wechselt zu einem beliebigen Zeitpunkt genau einen der Levels. Wenn er z.B. stehend langsam den Arm in weit ausholenden Bewegungen geschwenkt hat, kann er dieselbe Bewegung nun schnell ausführen oder auf dem Boden oder abgehackt oder klein.
Wechselt ein Spieler den Level, wechselt der Mitspieler ebenfalls einen Level, aber der Wechsel kann sich auf einen anderen Bewegungsgegensatz beziehen.
Man sei präzise, aber es geht um die Freude.
***
Abgesehen vom eigentlichen Thema Bewegung trainieren wir hier:
  • Spielfreude aus der Bewegung
  • Impulse wahrnehmen und verarbeiten
  • gegenseitige Wahrnehmung
  • Im Moment sein
  • Timing

15. Juni 2008

Hunde im Moment

Kirsten Fuchs zieht einen Vergleich zwischen Hunden und Improvisierern. Hunde reagieren viel stärker auf die momentane Situation als es Menschen in der Regel tun.
Wenn ein Hund also etwas Verbotenes getan hat und man ihn dafür anschreit, dann befiehlt, herzukommen und ihn dann bestraft, wird er es nicht verstehen, da er doch den Befehl "Komm her!" erfüllt hat. So werden Hunde zu misstrauischen Wesen.
Völlig absurd wird es dann, einen freudig heranspringenden Hund für etwas zu bestrafen, was er vor einer Stunde getan hat.
Die unglaubliche Wahrnehmung des Moments - den Ton, die Worte, die Gesten des Menschen - haben ihn zu so einer unglaublich angepassten Spezies gemacht.
Stephen Nachmanovitch berichtet über seinen Hund, in dessen Gegenwart man nicht das Wort "walk" benutzen durfte, ohne dass er schwanzwedelnd vor der Tür stand. Stephen und seine Frau erfanden dann das pseudo-jiddische Wort "Schniss" für Spaziergang. "Let's have a schniss" bedeutete dann: "Lass uns ohne den Hund spazierengehen."

14. Juni 2008

Vorschläge

Es bedarf eines gewissen Feingefühls dafür, in welcher Weise Vorschläge des Publikums eingebaut werden: Sollen sie eher der Hintergrund der Szene sein oder zum Thema gemacht werden?
Hypothese: Ein Vorschlag soll zum Thema gemacht werden, wenn es ein Thema ist, z.B. "Reichtum". Wenn es aber um die Charakterisierung einer Figur geht, droht die Story platt zu werden, wenn die Eigenschaften der Figur vordergründig thematisiert werden. Beispiel: Ein geiziger Arzt wird therapiert.
Gegenbeispiel natürlich Molieres "Der Geizige", aber hier ist "Geiz" eben eher als soziales Thema aufgefasst.

Tempo im Storytelling

In längeren Storys ist Tempo vor allem das Spiel mit inhaltlichen Konsequenzen. Immer einen Schritt weiter sein als die Zuschauer.
Wir verlangsamen also das Tempo der Geschichte, wenn wir uns mit Erklärungen aufhalten. Rechtfertigungen sind also hier und da für einen Gag gut. Vom Gesichtspunkt des Storytelling ist es besser, aufmerksam zu spielen, sich nicht lange mit Missverständnissen aufzuhalten und voranzutreiben.

10. Juni 2008

Intelligent oder doof spielen

Ein schneller Lacher, wenn man doof spielt: Der Pilot, der nicht weiß, wie das Flugzeug zu starten ist, der Zahnarzt, der mit einer Bohrmaschine seinen Patienten malträtiert usw. Nichts gegen schnelle Lacher, aber wir bringen uns um eine echte Fallhöhe, wenn wir die Figuren gleich zu Beginn scheitern lassen.
Es sind nicht nur Zahnärzte und Piloten, es sind häufig auch alltägliche Handlungen, die inkompetent ausgeführt werden: Ein Ei braten. Nicht wissen, wo sich Gegenstände befinden, nicht wissen, wie jemand heißt usw. Die Vermutung liegt nahe, dass wir es wieder mit Angst zu tun haben. Ich vermeide als Spieler spezifisch zu sein und bleibe im Bereich des Sicheren.

Spiele nicht dümmer als du bist. Behaupte, bescheid zu wissen, auch wenn es um die technische Ausrüstung eines AKW oder um komplizierte Finanztransaktionen handelt.

9. Juni 2008

Moderation

Beobachtungen aus den Moderations-Workshops die ich in den letzten Wochen gegeben habe:
Aufgabe: Das Publikum mit dem ersten Satz zum Klatschen zu bringen. Es ist erstaunlich, dass das Publikum immer weiß (und sich immer einig ist), ob es ein guter Moment zum Applaudieren ist oder nicht, oder ob man zögerlich oder begeistert klatscht.
In den üblichen Workshops ist es einigermaßen schwierig zu lehren, wie man vor einem großen Publikum spricht (nicht nur vor 5-12 Kollegen). Wir dehnen den imaginären Zuschauerbereich aus.
Ein allgemeines Problem ist die Frage der Authentizität. Ich gehe davon aus, dass Moderationen grundsätzlich vom authentischen Ich kommen sollten, nicht von einer entertainernden Bühnenfigur und schon gar nicht, wie es leider vor allem beim Theatersport immer wieder der Fall ist, von "ulkig kostümierten Witzfiguren". (Dies sei als Geschmacksurteil vorausgeschickt.) Das Problem, das wir nun zu bearbeiten haben, besteht darin, dass sich das Moderieren und die tendenzielle Maipulation des Publikums (sie zum Klatschen zu Animieren usw.) für viele überhaupt nicht authentisch anfühlen, einfach weil es nicht das übliche soziale Verhalten ist. Wie aber soll man dann an das authentische Ich anknüpfen? Ich wähle zwei Ansätze:
  1. Der authentische Ansatz: Sprich zunächst als Du selbst zu uns als kleiner Gruppe und erzähle ein Erlebnis. Stell dir dann vor, wir seien 50 Leute, etwa bei einer Geburtstagsfeier unter Freunden und du kündigst eine Überraschung an. Im dritten Schritt moderierst du eine Impro-Show an.
  2. Der Dieter-Thoma-Heck-Ansatz: Mach ein kleines Spiel daraus, den schleimigsten Moderator, den du kennst nachzuahmen. Wirf dann 95% von dessen Schrott und Gehabe weg und behalte die 5%, die für dich als Technik funktionieren.

Man vermeide Schlagworte, die abgekupfert oder ausgedacht klingen (Meinedamunherrn). Wenn man freundlich ist und das ganze Publikum anspricht, macht es überhaupt nichts, wenn man sich verspricht, also ist es überhaupt nicht nötig einen Text auswendig zu lernen, wenn man weiß, was man sagen will.

An/Aus

Die Unterscheidung zwischen An und Aus (On/Off) auf der Bühne: In gemeinsamer Aktion, sei es in der Szene, beim Singen oder Tanz - auch wenn man nicht "dran" ist, sollte man die Spannung des Dranseins erhalten.
Vielleicht gerade bei kleinen Bühnen, bei denen man nicht von der Bühne abgehen kann, ist aber auch das Aus-Sein als Haltung wichtig: Entspanntere Haltung, physisch und mimisch.

Scheu

Die Scheu von Tänzern, in der Improvisation auch nur irgendeinen Satz zu sagen, korrespondiert mit der Scheu der Lesebühnenautoren, mal mehr Bewegung zuzulassen als nur die fünf Schritte vom Stuhl zum Mikro.

2. Juni 2008

Freie Bühne

Workshop für eine Gruppe, die sehr fortgeschritten ist in den Themen Figuren-Erschaffung und einigermaßen gut über Storytelling bescheidweiß. Das Problem: Sie verhakeln sich in ihren tausend Regeln, die vielleicht irgendwann mal als Tips gedacht waren, sie denken an Strukturen und vergessen den Moment.
Ich erinnere sie daran, dass die Bühne ihnen gehört und dass sie dort machen können, worauf sie Lust haben. Das ist die Hauptsache. Verfeinerungen stehen an zweiter Stelle.
Ich gebe ihnen eine Lizenz zum Trashen. Der Witz ist - sie verlieren gar nicht so sehr an Tiefe und Feinheit, sondern gewinnen an Kraft.
Die Angst davor, blödes Improtheater zu spielen, limitiert. Zurück zu Johnstone: Lass es zu, obszön zu sein, politisch unkorrekt usw. Die Grenzen des guten Geschmacks entdecken wir nur, wenn wir sie von Zeit zu Zeit übertreten. Wenn es frisch ist und aus dem Moment kommt, wird es einem auch keiner übelnehmen.
Blöd sind nur kopierte Gags. (Wie oft ich in den letzten Wochen auf Improbühnen "Ich habe Rücken" gehört habe!)

1. Juni 2008

Vorschläge

Noch mal zum Thema Vorschläge: Im Grunde ist jeder Vorschlag wertvoll, solange er uns inspiriert. Aber wie geht man mit den uninspirierenden Vorschlägen um? Zunächst: Sehr, sehr oft werden Vorschläge als "schlecht" abgetan, nur weil sie ein heikles Thema berühren. Was aber geschieht, wenn wir die Themen ernstnehmen? Einer der besten Harlds, die ich je sah, haben die Gorillas zum Thema Gynäkologe gespielt, obwohl der Zuschauer, der diesen Vorschlag gab, den Schauspielern sicherlich ein Bein stellen wollte.
Tatsächlich gibt es Vorschläge, die man als öde wahrnimmt. Das kann verschiedene Gründe haben. Z.B. gibt es als Vorschlag für einen Ort extrem häufig "Schwimmbad". (Wieviele gescriptete Theaterstücke gibt es eigentlich, die in einem Schwimmbad spielen?) Nun kann man das tatsächlich ablehnen, und wenn man es sympathisch macht, weren die Zuschauer schon nicht einschnappen. Aber wir können auch lernen, damit zu leben. Dann wird es nämlich keine Schwimm-Lehrszenen mehr geben, sondern wir werden das Schwimmbad als Hintergrund für echtes Drama (oder meinetwegen auch Comedy) nutzen.
Anscheinend hat es oft mit ersten Assoziationen zu tun, was das Publikum vorschlägt. Z.B werden bei freien Vorgaben ("Ein Wort, bitte!) oft Lebensmittel genannt. Ich habe Harolds zu Leberwurst, McDonalds, Orangensaft, Karpfen u.v.m. gespielt. Wenn ich heute solch einen Vorschlag bekomme, lehne ich ihn ab, weil ich das Gefühl habe, das Thema Futter ddurchdekliniert zu haben. Wer weiß, in zwei Jahren ist das wieder anders.

Wörter aufgreifen

Satz-Elemente des Impro-Mitspielers aufgreifen und in ihrer Konsequenz weiterentwickeln. Wenn wir dies positiv betreiben, bringt es die Szene in einen ungekannten Schwung.
Shakespeare treibt dieses Spiel mit Vergnügen, und es ist ein großer Spaß, die Tragödie Macbeth nur auf dieses Spielchen hin zu lesen.
Ganz nebenbei schärft es als Übung das Zuhören, das Akzeptieren und das Vorantreiben.