Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

26. Mai 2008

Wir sind alle nur Kinder

Wir würden unseren zwischenmenschlichen Stress reduzieren, wenn wir unsere Erwartungen aneinander reduzieren, so wie man ja auch an kleine Kinder keine hohen sozialen Erwartungen stellt - sie sind tollpatschig, unerfahren, ichbezogen.
Was wäre nun, wenn wir uns bewusst machen, dass in jedem von uns ein kleines Kind steckt? Dass wir unvollkommen sind, und trotz dieser Unvollkommenheit alle liebenswert sind. Stewardessen beherrschen diesen Trick:
"Der Crew eines Flugzeugs wird zum Beispiel
häufig empfohlen, dieses als ihr Wohnzimmer
und die Passagiere als ihre persönlichen Gäste
zu betrachten. Denn den eigenen Gästen gegenüber
hat man in der Regel automatisch posi-
tive Gefühle. Benimmt sich dann der eine oder
andere Passagier unfreundlich oder nörgelt am
Service, kann man so tun, als ob es sich um
Kinder handle – diese macht man für ihr quengeliges
Verhalten weniger verantwortlich, und
negative Gefühle kommen dann nicht so
schnell auf."
Aus demselben Artikel aus "Gehirn und Geist": http://www.wissenschaft-online.de/artikel/951556

Lächeln

Artikel in der "Gehirn und Geist"
Dauerlächeln, z.B. im Dienstleistungsbereich, erzeugt Stress, wenn es als surface acting betrieben wird. Die Mimik steht dann im Widerspruch zum Empfundenen. Entscheidend ist dann das deep acting, das Schauspiel aus der Tiefe heraus, d.h. das Gefühl muss auch empfunden werden. Die Tricks dafür sind bekannt: Positives Verhältnis zum Gegnüber aufbauen, Situationen mit Humor nehmen usw.
Interessant für uns als Schauspieler ist, dass das Gegenüber genau merkt, ob man es mit oberflächlichem oder tiefem Spiel zu tun hat. Insofern muss der Schauspieler wirklich ins Gefühl eintauchen, ohne sich davon wegdriften zu lassen.
http://www.wissenschaft-online.de/artikel/951556

Loslassen ohne Luft

Ein Apnoe-Taucher beschreibt auf Radio Eins, er könne jeden gesunden Menschen mit ausreichendem Lungenvolumen innerhalb eines Jahres trainieren, die Luft fünf Minuten anzuhalten. Will man länger als 6 Minuten die Luft anhalten muss man aber ein gewisses Alter erreicht haben! Denn dazu bräuchte man Erfahrung, man muss innerlich völlig loslassen können, die Hirnaktivitäten und dadurch dann auch die Körper- und Muskelaktivitäten auf ein Minimum zu reduzieren.

25. Mai 2008

Kinder-Kauderwelsch

In der S-Bahn ein zweieinhalbjähriger Junge und ein vierjähriges Mädchen, die einander liebevoll necken. Auf einmal fallen sie ins Kauderwelsch. Denke zunächst, ich würde mich verhören, es sei Kindergenuschel oder eine Fremdsprache. Ist es aber definitiv nicht. Erstaunlich, wie sie aufeinander eingehen. Was erwachsene Impro-Schülern häufig erst mühevoll wiedererlernen müssen - dass man Wort- und Satz-Elemente des anderen mitverwendet, dass man die Worte aus der Emotionalität entstehen lässt - das machen die beiden völlig natürlich. Zwischendurch schalten sie immer wieder mal ins Deutsche. Und zu keinem Zeitpunkt wird das Spiel infrage gestellt. Denn in diesem Alter ist einfach alles Spiel. Die Regeln ergeben sich beim Tun.

24. Mai 2008

Keith Johnstone

Ein kleiner Video-Ausschnitt mit Keith Johnstone in Aktion:


Bemerkenswert, wie er die Schreihälse und Streithähne zur Kooperation bewegt.

21. Mai 2008

Die traurige Geschichte vom schlechten Komiker

Shaun Landry erzählt die folgende Geschichte über einen Komiker, der in jedem Workshop der Stadt anzutreffen war:
The worse case I have ever seen in my life is a cat who seems to be the king of classes. I don't think anyone (and granted myself included) has said to him "You will never be a good improviser or stand up comedian". I see him every once in a while here attempting stand up. God. It's brutal. No one will tell him the truth. *no one*He ended up opening for a famous comedian. Not because he was any good. Because this very famous comedian is a notorious asshole drunk to deal with. And the bookers decided to screw him by finding the worst standup in town.And it was the guy I'm talking about. It is like picking on the ugly kid with the pretty girl...or some scene from Carrie. Just waiting for the bucket of blood to fall from the Improvisation in San Jose.He was so happy. This is where you sit there and go "is this the moment I burst this happy man's bubble? NO I CAN'T DO IT. I CAN'T TELL HIM HE GOT THE GIG BECAUSE HE IS HORRIBLE. NO. I'M NOT GOING TO BE THE ASSHOLE HERE"That is what it comes to.Noone wishes to be "The Asshole" When in actual fact you might be the nicest one in the room for finally telling this guy the truth.I have heard me mumble "I don't know what will help" Maybe I should take an inflection class to try to make that sound more upbeat. So I don't get pounced with the ultimate question "Well, what do you mean?" For a bunch of people who scream Truth in Comedy, we sure suck at Truth in Real Life.

18. Mai 2008

Stottern: Linkshändigkeit, Singen, Tiere, "Selbstvertrauen"

Linkshänder stottern anscheinend häufiger (s. Obama), was wohl oft damit zu tun hat, dass sie ihre Impulse unterdrücken sollen, da sie "falsch" sind.
Stotterer stottern seltener (ein schöner Satzbeginn für Stotterer), wenn sie singen: Der Fokus liegt dann nicht auf dem "richtigen" Formulieren.
Stotterer stottern seltener wenn sie mit Tieren reden.
Im Hypnoseforum wendet der User Chippie ein: "ich vermute, dass das eher daran liegt, dass man sich nicht mehr aufs sprechen konzentriert, sondern auf die vorstellung. das lenkt ab, macht aber nicht sicher. ich glaube eher, dass es was mit selbstvertrauen zu tun hat." Und das ist aber der springende Punkt, den wir auch vom Impro und kreativen Prozessen kennen: Wir konzentrieren uns auf das Wie, auf ein schönes Detail, und nicht auf das "Richtig" oder "Falsch", und dann kommt schon was Schönes zustande.

Foxy Freestyle & The Crumbs - 14.5.2008

Show mit Foxy Freestyle und den Crumbs - Hier die Videos der ersten 3 Storys:






16. Mai 2008

Musikalische Improvisation


Musikalische Improvisation Andrés Atala Quezada





Anpassung

Show mit "The Crumbs" am 14. Mai 2008
Angenehme Atmosphäre, RAW-Tempel fast so voll wie bei der Chaussee, je zur Hälfte Foxy-Fans und Crumbs-Fans, auch Lesebühnen-Kollegen.
Die geringste Herausforderung war anscheinend die Sprache, oder anders gesagt: Die Lücken und Fehler haben das Bühnengeschehen eher produktiv beeinflusst.
Schwieriger empfand ich eher die Herausforderung, ein gemeinsames Gefühl für Timimg, Körperlichkeit, Bögen usw. zu entwickeln. Dies ist ja öfters der Fall, wenn man mit anderen Gruppen spielt. Nach der ersten, von der Story eher stotterigen, vom Publikum aber dennoch geliebten Szene, bekamen wir langsam Boden unter den Füßen. Man passt sich einander an: Wir werden verbal schneller, die Crumbs physischer.
Gegenseitige Inspiration, aber auch gegenseitiges Abschleifen, aber für kommende Shows überwiegt doch die dauerhafte Inspiration.

14. Mai 2008

Scheinbares Blockieren

A: "Ach, ist das heute warm!"
B (ausdruckslos oder irritiert): "Das ist doch nicht warm!"

A: "Ach, ist das heute warm!"
B (Schließt B bemutternd den oberen Knopf der Jacke): "Das ist doch nicht warm!"

Im ersten Beispiel klassisches Blockieren - die Plattform muss neu geschaffen werden oder wir sind mitten in einem Streit um die Ausgangssituation. Im zweiten Beispiel geht B mit A's Angebot spielerisch und konstruktiv um, er schafft sofort eine Situation, die A's Angebot eher verstärkt.
Es geht also nicht unbedingt darum, was gesagt wird, sondern auch wie es gesagt wird. Die Frage ist immer, ob die Geschichte und das Spiel vorangetrieben werden, ob wir neue Risiken eingehen oder ob wir verharren.

Immanente Komik des Improtheaters

Allein, dass der Mitspieler auf unerwartete Angebote zu reagieren hat, macht das Improvisationstheater tendenziell komisch. Viele Games betonen auch gerade dieses Element. Aber auch in collagierten Langformen oder im Storytelling ist es oft weniger die Geschichte, die komisch ist, sondern der improvisierende Schauspieler.
In der improvisierten Musik ist das seltsamerweise nicht der Fall.
Vielleicht hat es mit dem von Bergson beschriebenen Effekt des "Mechanismus, der das Lebendige überdeckt" zu tun.

11. Mai 2008

Klaus Kinski

KK bekommt im Theater des Kriegsgefangenen-Lagers die Frauenrollen
Er studiert für die Rolle eines Epileptikers Elektroschock-Therapien in einer Anstalt
1949 wird ein Stück verboten, weil er darin eine Frauenrolle spielt.
Als junger Mann hat er verblüffende Ähnlichkeit mit Brando.
Adorf über Kinski: "Der Wille zur Grenzüberschreitung war ganz wesentlich für ihn."
Peter Berling: "Kinski wusste, wo die Kamera zu sein hatte, wie sie eingerichtet zu sein hatte. Er war ein Kino-Tier. "

1)


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4)


5)

Schach

Selbst Schach hat ein situatives, intuitives Moment, wenn nicht stur gerechnet wird, sondern man gewissen Impulsen folgt (wenn auch gewiss in geringerem Maße als beim Tischtennis).

Hirnforschung

Unterschiedliche Hirnareale sind am Werk, wenn wir ein Musikstück nachspielen oder wenn wir es improvisieren.
http://www.plosone.org/article/fetchArticle.action?articleURI=info:doi/10.1371/journal.pone.0001679
Für Improvisierer ist das im Grunde der Beleg einer Binsenweisheit, denn wir spüren, dass wir anders denken, wenn wir improvisieren.

Einsatzfreude

Bei improvisierten Handlungen können wir zwischen Entscheidungen und Einsatzfreude entscheiden. Es ist nicht so wichtig, welche Art von Entscheidungen wir treffen, sondern mit welchem Einsatz, mit welcher Hingabe. Und in diesem Sinne gibt es keine "falschen" Entscheidungen, sondern nur mangelnden Einsatz. Die Kraft (und oft eben auch die Komik) einer improvisierten Szene liegt eben oft nicht so sehr in der Art der Entscheidung, sondern in der Radikalität, die sich für den Zuschauer als hohes Tempo darstellt.

9. Mai 2008

Commitment

Im Film "The Commitments" erklärt der alte Joey "The Lips" Fagan seinem Bandkollegen Dean, warum Blues-Musiker ihren Instrumenten oft Frauennamen geben: Es kommt nicht so sehr darauf an, was man auf dem Instrument spielt, sondern wie man es spielt, eben genau wie wenn man mit einer Frau Liebe macht. Dean bläst daraufhin sein Saxofon so zärtlich, dass es auf einmal Charakter hat.

7. Mai 2008

Interview Jack White & Keith Richards

Jack, what did you learn about the Stones when you opened for them?
White: How good they were. You could see the comfort level between them, in Keith's guitar playing and Ron's slide playing. It's impressive, man, when that confidence is exuded. Someone once told me when I first started playing - you get a lot more respect if you act like you own the joint. If you fumble around, you don't gain respect.
Richards: You could have asked me that question back when we went from clubs to opening for Bo Diddley, Little Richard and the Everly Brothers on one tour [in 1963]. I learned more in those six weeks than I would have learned from listening to a million records.

***

Richards: I loved listening to music - the pure beauty of listening - before I ever learned an instrument. I realize, in a way, that I tainted that beauty, because now I know how certain things are done. But brother, you've made your deal now. The only thing you can do is pass it on.
(Ist das wirklich so? Dass man die Schönheit des Kunstgenusses zerstört, wenn man weiß, wie es gemacht wird? Ich glaube eher, der Genuss ist dann auf einer anderen Ebene. - DR)

3. Mai 2008

Status in Politik und Wirtschaft

Interessante Bilderstrecke zum Status-Verhalten von Frauen und Männern in Unternehmen.
http://www.n-tv.de/914819.html
Fragt sich, wie es in frauendominierten Unternehmen läuft. Ich vermute: Ähnlich. Die Signale für Hierarchie werden universal verstanden, wenn auch nicht von jedem gleichermaßen eingesetzt.

Amadeus

Den schönen Forman-Film Amadeus nun noch mal im Director's Cut gesehen.
Interessant ist ja, dass gerade das Ringen Salieris um Ausdruckskraft ihn scheitern lässt. Seine Gebete sind nicht kontemplativ, sondern er fordert Gott heraus. So bleibt sein Verhältnis zur Kreativität ein negatives.