Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

30. April 2008

Gewohnheiten

Sowohl physische als auch sprachliche Gewohnheiten schleichen sich immer wieder ein, und man braucht schon jemanden, der einen darauf hinweist - manchmal einen sehr guten Beobachter. Alles, was zur Gewohnheit wird, schränkt unseren improvisatorischen Geist ein.

28. April 2008

Entfremdung

Der Gedanke, dass es darauf ankommt, beim Schöpfen den Prozess statt das Produkt in den Vordergrund zu stellen, findet sich auch bei Marx im Konzept der „entfremdeten Arbeit“, der wir in der kapitalistischen Produktionsweise ausgesetzt sind. Marx dürfte den Begriff der Entfremdung von Hegel gemopst haben, der wiederum der erste deutsche Philosoph war, der ernsthaft chinesisches Gedankengut rezipiert und aufgenommen hat – Taoismus und Buddhismus.

22. April 2008

Karl Valentin - ein Blockierer?

Aus der Impro-Perspektive muss man Valentin wohl als Blockierer oder zumindest als ewigen Nein-Sager bezeichnen. Seine Partnerin muss das Kleinholz seiner Logik wieder zusammensetzen, und er zerstört es umso mutwilliger. Allerdings hält er permanent den improvisatorischen Ball in der Luft. Laut Auskunft von Karlstadt konnte Valentin sich den Text auch nie richtig merken und so ging man immer wieder zu Improvisiertem über, was zu großartigen, nicht erhaltenen Gags führte. Karlstadt beschwor sich selbst während des Aufführens, sich die Gags zu merken, konnte aber anschließend nie eine Zeile rekapitulieren. Traurig, wenn man bedenkt, wie leicht man heutzutage Ton und Film aufnehmen kann.

17. April 2008

Barack Obama on Basketball and Improvisation

"People who keep on shooting even though they have no jump shot, you can tell that there’s a certain self-delusional aspect to their game, right? That says something about who they are."

"There is something about basketball and our culture that connects up with the African-American experience in a special way. Almost in the same way that jazz music connects up with the African-American culture. There is an aspect of improvisation within a discipline that I find very, very powerful. "


16. April 2008

Pennerhaftigkeit

Eine ältliche Musikertruppe zu Gast bei der Chaussee der Enthusiasten. Einerseits kommen sie in sympathischer hemdsärmeliger Lockerheit daher und bringen ihren eigenen Bierkasten mit, den sie im Laufe des ersten Drittels bereits leeren. Der Alkoholpegel steigt und parallel dazu das unkollegiale Verhalten der Musiker: demonstratives Desinteresse (in Wirklichkeit können sie nicht mehr folgen) und Altherren-Sprüche.
So kann's kommen, denke ich. Gut dass sie da waren, so wird es einem klar vor Augen geführt, was geschieht, wenn man sich gehen lässt und wie man dann auf andere wirkt.

14. April 2008

Weitere Gedanken zum Thema Akzeptieren

Aus einem Interviewspiel heraus, in dem es in er Logik der Spieldynamik lag, Fragen zu verneinen, diskutierten wir noch einmal die Frage Akzeptieren/Blockieren. Neue Arbeitshypothese: Wir akzeptieren, wenn wir den Grundgedanken des Angebots konstruktiv weiterführen, was in der Regel zwar mit einem "Ja und" erreicht werden kann. Aber die Energie des Angebots kann auch mit einem Nein fortgeführt werden.

Du siehst etwas, was du nicht siehst

Eine gewisse Erfahrung in der Kommunikation zwischen Spielern bedarf es, wenn Spieler A sene Figur A etwas tun lässt, was Figur B nicht sehen soll, deren Spieler aber sehen muss, um zu kapieren, wo es lang geht.
Klassisch: Der Diener rührt dem Lord heimlich Gift in den Tee. Der Spieler des Lords muss es natürlich sehen, um seinen Tod spielen zu können, aber immerhin so unauffällig, dass die Szene nicht ruiniert wird.
Möglichkeiten:
a) Diener spielt in solch einem Winkel, dass Lord die Handlung aus den Augenwinkeln beobachten kann.
b) Diener kommuniziert durch andere kleine Details (Augenkontakt, kleine Geste) seinem Mitspieler die Bedeutung des Angebots.

Der zweite Schritt

Beobachtung von J.T.:
Es gibt eine Angst vor dem zweiten Schritt. Manchmal sind wir mutig genug, ein starkes Angebot zu setzen und etwas hält uns davon ab, weiterzugehen. Als fürchteten wir die Implikationen unserer eigenen Courage. Unbeirrbarkeit als Impro-Tugend?

9. April 2008

Haltung der Schüler

Johnstone nennt es "Die Haltung der Schüler ändern". Allzu oft erwarten Schüler eine ganz konkrete Lektion oder sie haben ganz konkrete Vorstellungen, wie ein Workshop abzulaufen habe. Die Kunst des Schülerseins besteht aber - im Improtheater ganz besonders - darin, sich vom Lehrer überraschen zu lassen, neue Erfahrungen zu machen und diese einzubauen.

Lehrer, von denen ich Lehren gelernt habe:
Ramona Krönke - Freude und Wertschätzung des Spielerischen
Sten Rudström - Klarheit und physisch/psychologisches Erfahren
Randy Dixon - geistige Durchdringung
Stephen Nachmanovitch - Ermöglichen
Keith Johnstone (soweit man das nachvollziehen kann) - Beobachtung und Feedback

Von mir selber - improvisierende Haltung zum Unterrichten.

Free Play beim Improfestival

Die Workshops der Teilnehmer des Berliner Improfestivals mit Stephen Nachmanovitch münden in eine Art musikalische/klangliche Harolds. Die beiden Shows, die ich sehe, sind ziemlich gelungen. Auch wenn in einer ein toter Dan vorkommt.

3. April 2008

Positive Pädagogik

Bei der Präsentation seines Buches Tao der Kreativität in der Urania gibt Stephen Nachmanovitch das Beispiel des Kindes, das Laufen lernt: Jeder weiß, dass das Kind höchstens drei Schritte gehen kann und dan umfallen wird, aber alle Umstehenden werden schon den Versuch beklatschen. Niemand käme auf die Idee, dem Kind Tips zu geben: "Heb mal die Knie höher!" Stattdessen vertrauen wir darauf, dass das Kind seinen Weg findet. Irgendwann geht man zum kritischen Belehren über. Aber warum?
Ist ein völlig nicht-kritisches Unterrichten möglich und effektiv? Nach SN schon.

Profipopofi

Bei der Erföffnungsshow der Impro 08 spielt ein seltsames Duo namens "Bright Blue Gorillas". Obwohl recht sympathisch fragt man sich, was sie auf einem Improfestival tun. Sie spielen ein paar Hippiesongs und von ihrem 12minütigen Auftritt nutzen sie fünf Minuten, um auf ihre CD hinzuweisen. Zur Krönung wiederholen sie das Ganze am Abend danach und zwar Wort für Wort mit exakt demselben Timing.
Das erinnert mich an einige Kleinkünstler und Komiker, unter denen es als "professionell" gilt, den exakten Ablauf einer Nummer so einzustudieren, dass ein Abend dem anderen gleicht. Ich habe das nie verstanden. Selbst beim Vorlesen versuche ich, mich aufs Neue vom Text überraschen zu lassen. Komisch auch, dass sich manche Improgruppen davon anstecken lassen und z.B. "funktionierende" Games immer und immer wieder aufführen.