Dan Richter - Improtheater und Improvisation
Gedanken zu Theorie und Praxis des Improvisationstheaters. Überlegungen zu
Improvisation und Kreativität. Beobachtungen aus Lehre und Aufführung.

Improshows in Berlin/Brandenburg

30. Dezember 2007

Spiele

Nützliche Spiele aus Vlceks Buch Workshop Improvisationstheater, die ich noch nicht oder so noch nicht kannte:
41 - Sprechende Hände
54 - Fuchs und Eichhörnchen
63 - Klapperschlangen
243 - Geschichte in fünf Sätzen (Bisher in drei Sätzen oder offen, so strukturiert es mehr)
248 - Improquälerei (radikalisiert den Gedanken Johnstones, "Fehler" zu Spielen umzuwandeln, z.B. "beide blockieren" oder "nur Fragen")
277 - Drei Erzähler + 1 Spieler
292 - 2 +2 "Das Gewissen" (eigentlich kein neues Spiel, da wir es so in Langformen immer wieder eingebaut haben, aber auch gut, es mal so zu formalisieren)
298 - Mörderspiel (vereinfachte Variante der immer mehr verbreiteten Krimi-Langformen)

29. Dezember 2007

Meister und Schüler

In Eugen Herrigel "Zen und die Kunst des Bogenschießen" thematisiert er das besondere Verhältnis von Meister und Schüler in Japan. Die Lehrer geben nur wenige Anweisungen, die die Schüler befolgen und über die sie nachdenken. Der Lehrer wird verehrt. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, da der Schüler den Meister verlassen muss, um dann hoffentlich auf dessen Schultern stehen zu können.
Auch wenn man das nicht einfach übertragen kann, so doch immerhin, dass der Meister
  • sich eine gewisse Autorität erwerben muss
  • sich mit wenigen Anweisungen begnügen sollte und ansonsten nicht zu sehr im Weg stehen
  • Ruhe und Strenge braucht

Der Schüler

  • sollte die Rollen respektieren
  • die neuen und fremden Gedanken ausloten
  • das Spiel spielen

Das Dumme ist nur: Man tendiert ja doch dazu, die Autoritäten und Lehrinhalte immer wieder zu hinterfragen. Das hat auch seinen Sinn, aber man tue das zuhause. Und wenn nötig, verlasse man dann den Meister.

22. Dezember 2007

Radim Vlcek "Workshop Improvisationstheater“

Spielesammlung von Radim Vlcek "Workshop Improvisationstheater". Wenn man nicht gerade Spiele und Übungen ad hoc erfinden will, erspart man sich so die umständliche Suche in eigenen Aufzeichnungen und im Internet. 350 Spiele und Übungen für Anfänger- und Fortgeschrittenen-Levels. Relativ wenig zu Verfeinerungen, was aber kein Mangel ist bei der Fülle. Ein paar grundlegende Fragen, die bisher in der deutschsprachigen Impro-Literatur noch nicht angesprochen wurden. Auf jeden Fall ein empfehlenswertes Handbuch, wenn man auf sprachliches Feingefühl keinen gesteigerten Wert legt. Zitat: "Hier geht es um Fun!" Erläuterung dazu: "Ich finde die englischen Ausdrücke oft treffender als die deutschen Übersetzungen." Ja, ja, "fun" ist bekanntlich ein derart schwieriges englisches Wort, dass sich selbst gestandene Übersetzer daran die Zähne ausbeißen.
Generelle die klassische in Deutschland anzutreffende Haltung zu Improtheater: Grundlage das Impro-Match, dessen Konventionen Vlcek an keiner Stelle infrage stellt. Kurzformen seien "seicht", Langformen "tief". Bei den Beispielen für szenische Inhalte, die er für witzig hält ("Liebesleben der Backsteine", "Kohls Gebiss wurde gestohlen", "Huhn legt eklig grüne Eier"), frage ich mich, ob die deutsche Impro-Szene manchmal im Karnevals -Spaß ersäuft. Ist das nun einfach eine andere Art von Humor? Kann man das überhaupt kritisieren? Um nicht zu negativ zu enden, möchte ich sagen: Kauft das Buch! Es ist nützlich.

21. Dezember 2007

Miles Davis - die filmische Biografie

"Man braucht Musiker um sich, die denken. Keine, die bequem sind. Ich kann keine bequemen Leute um mich haben. Nichts kommt von denen zurück, man kriegt gar nichts." – Miles Davis Miles sagte: "Keith, weißt du, warum ich keine Balladen mehr spiele?" Ich sagte "Nein." Er sagte: "Weil ich so gern Balladen spiele." Daran erkennt man den Künstler. Er muss erkennen können, dass auch das, was er liebt, Neuem weichen muss. Miles hätte lieber eine schlechte Band gehabt, die furchtbare Musik spielt, als eine Band, die das spielt, was er zuvor gespielt hat. Und das geht sogar gegen seinen eigenen natürlichen Instinkt. Und das macht seine Musik zu einem Schöpfungsakt. – Keith Jarrett

"Spiel einfach Fis-G-Fis-G!" "Das ist alles?" "Ja." Wir spielten, dann hielt Miles die Band an und fragte: "Was machst du denn da? Willst du immer nur Fis und G spielen?" Und ich sagte: "Sorry, aber ich spiele nur, was du gesagt hast. Ich kann auch gern mehr spielen." Wir fangen noch mal an, und diesmal spiele ich alles; Fis, G, As, A bis Z, jeden Ton auf meinem Bass." Miles unterbricht wieder und fragt: "Mann, was machst du denn da? Spiel einfach Fis und G und halt die Klappe." Und da merkte ich, dass er mich nur verscheißert. Er ist einfach cool. Am besten, ich ignoriere ihn und spiele, wie ich es für richtig halte. Ich spielte und diesmal zogen wir die Aufnahme voll durch. – Marcus Miller

Klischeeklischees

Stefanie Winny weiß zu berichten, dass das, was wir für "chinesische Musik" halten (Parallel gespielte Quarten), ein im Westen produziertes Klischee ist. Das heißt ja nun für Improvisierer, dass, wenn wir das benutzen, nicht nur das Klischee reproduzieren, sondern auch ein Klischee, dass jeder Grundlage entbehrt.

Patricia Ryan Madson: Improv Wisdom - Impro-Weisheit

Ein schönes, leichtes, bescheidenes und dennoch umwerfendes Buch. Madson gelingt es, die Weisheiten, die wir so deutlich beim Improtheater erlernen und erfahren, ins alltägliche Leben zu übertragen. Die Kapitel:

  • Sag ja.
  • Bereite dich nicht vor.
  • Geh einfach hin.
  • Fang irgendwo an
  • Sei durchschnittlich
  • Sei aufmerksam
  • Halte dich an die Tatsachen
  • Halte den Kurs
  • Sieh die Geschenke
  • Mach bitte Fehler
  • Handle jetzt
  • Seid füreinander da
  • Genieße die Fahrt

Patricia Ryan Madson: Improv Wisdom - Impro-Weisheit

Negative Bestätigung

Viele gute Lehrer tun es entweder instinktiv oder bewusst: negative Haltungen zunächst bestätigen. Johnstone machte z.B. Spiele daraus: "Nur blockieren", "Nur Fragen stellen". Man könnte das ganze auch noch radikalisieren. Nina Wehnert berichtet gar von einem Contact-Impro-Lehrer, der zunächst den Widerstand und die Müdigkeit der Schüler bedient. Psychologischer Hintergrund: Ins Extrem getrieben werden alle Dinge öde, sogar das Müdesein. Hier liegt vielleicht ein guter Schlüssel für die Arbeit mit Einzelspielern, z.B. mit körperlichen und sprachlichen Gewohnheiten.

Selbstfesselung durch Rollen

Die Spielerin Y. tendierte dazu, geh- und sehbehinderte Omas zu spielen. Auch eine Form der Selbstfesselung. Der Blick- und Bewegungsradius wird eingeschränkt. Offenbar versucht unsere Körper-Seele-Apparat auf diese Weise Sicherheit zu erlangen. Für die Impro nicht gerade förderlich, werden doch auf diese Weise die Möglichkeiten beachtlich reduziert. (Die Ironie der Geschichte: Y. warf ihren Mitspielern vor, diese würden sie ständig als Oma etablieren.)

Schulenpopulen

Manchmal wird so getan, als sei eine Impro-Schule eine zwingende Notwendigkeit, um gut improvisieren oder Improtheater spielen zu können. Großartige Improvisierer wie Helge Schneider oder das Pärchen Dean Martin/Jerry Lewis beweisen das Gegenteil. Dasselbe gilt für Schauspiel. Schauspielschulen werden manchmal auf seltsame Weise fetischisiert. Natürlich haben sie ihren Wert. Talente aber lernen überall. Gute Schulen sind vielleicht ein effizienter Weg des Lernens. Sie sind aber keinesfalls, wie manchmal getan wird, eine Garantie für gute Leistung. Ein Schüler von XY zu sein, sagt überhaupt nichts. Selbst eine renommierte Schauspielschule abgeschlossen zu haben, beweist ja nur, dass man ein paar Prüfungen bestanden hat. Tatsächlich kann man sogar in manchen Impro-Biografien lesen, wie es jemand für qualitätsrelevant zu halten scheint, einen Kurs bei Keith Johnstone abgeschlossen zu haben. Arme Künstlerseele.

6. Dezember 2007

Vor der Show

Es gibt kein Patentrezept für die Zeit vor der Show. Je nach Gruppe und Auftritt wieder muss man sich fragen: Was brauche ich, was brauchen die anderen, was brauchen wir gemeinsam, um eine gute Show zu spielen?

Es scheinen sich allerdings ein paar wieder auftretende Muster deutlich zu werden:

  • Spielern, die über ein hohes spielerisches, stimmliches, improvisatorisches und körperliches Potential verfügen und außerdem gut miteinander vertraut sind, dürfte ein gemeinsamer Kaffee vor der Show genügen.
  • Gibt es ein paar Überaufgeregte in der Gruppe, sollte dieser überschüssigen Energie ein fokussiertes Ventil gegeben werden: konzentrierte und gleichzeitig energetische Warm Up Spiele.
  • Ist die Energie eher unterspannt, sollte man auch diesem Impuls zunächst ein paar Momenten nachgeben, um sich dann im klassischen Sinne aufzuwärmen.

Fokus sollte in jedem Fall auf der Show liegen, zu viel Smalltalk vermeiden. Energien bündeln statt verschießen.

5. Dezember 2007

Erfreuliche Improvisation

Ich glaube, ein großer Teil der Freude, die wir aus Improvisation und besonders aus improvisiertem Theater ziehen, liegt in der Bewunderung für mutige Entscheidungen, die einen in unerwartete und ungewöhnliche Situationen bringen.
Deshalb ist es auch oft schöner, einer unbefangenen Anfängertruppe zuzuschauen als einem fortgeschrittenen Ensemble, das nur dabei ist, alles "richtig" machen zu wollen.
Das ist natürlich kein Plädoyer gegen das Lernen, sondern dafür, das Lernen und die weitere künstlerische und improvisatorische Entwicklung spielerisch zu gestalten.

Fahr zur Hölle / Drop dead Keith

In "Theaterspiele" ("Impro for Storytellers") beschreibt Keith Johnstone die seltsame Angewohnheit einiger Spieler, sich durch Blickkontakt zum Lehrer immer wieder abzusichern. Er empfiehlt dafür, den Schüler "Drop dead, Keith!" sagen zu lassen. Ich hab es ein paar Mal versucht. Ohne Erfolg. Vielleicht sollte ich länger auf diesem Trick bestehen, andererseits funktioniert er möglicherweise auch nur für Johnstone.
Eine Schülerin suchte permanent Augenkontakt - nicht nur zu mir, dem Workshopleiter, sondern auch ständig zu den Mitspielern auf der Bühne und zu Zuschauern im Publikum. Wenn man sie bat, über die Zuschauer hinwegzusehen und diese gleichermaßen mit einzubeziehen, ging ihr Blick wie nach innen. Die vorübergehende Lösung: emotionale Beschäftigung der Spielerin.

Von Comics Komik lernen

(c) TOM hat im Laufe der letzten Jahre seinen Stil immer mehr verfeinert (wenn man mal von der ewig unkomischen Postoma absieht).Die Pointe liegt meist in dem, was man nicht sieht. Die Impro-Spieler könnten sich mal davon eine Scheibe abschneiden.



(Abbildung nur zu Studienzwecken. Alle Rechte beim Zeichner (c) Tom. Bild wird auf Verlangen unverzüglich gelöscht.)

4. Dezember 2007